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Das Podium zur Abschlussdebatte des Studium Universale im Sommersemester „Klima im Wandel“ war hochkarätig besetzt und versprach eine spannende Diskussion. Das Versprechen wurde gehalten: Prorektor Prof. Dr. Matthias Middell und Kanzlerin Prof. Dr. Birgit Dräger vertraten das Rektorat, der Umweltbürgermeister Heiko Rosenthal sowie die Leiterin des Referats Klimaschutz Simone Ariane Pflaum die Stadt Leipzig, Kira Bartsch von der AG Nachhaltige Uni des StuRa die Studierenden, Antje Goller vom Facharbeitskreis Bildung für nachhaltige Entwicklung in der Hochschullehre den Mittelbau der Universität. Sie diskutierten vor rund 150 Zuschauer:innen zur Frage: „Sind wir zukunftsfähig?“

„Hochschulen haben als Bildungsorte eine Vorbildfunktion. Hier kommen Studierende unterschiedlicher Fachrichtungen zusammen, die das Thema Nachhaltigkeit in ihre Berufe tragen“, sagte Kira Bartsch. Lehre sei ein Ort der Vervielfältigung. Prorektor Middell verwies auf die verschiedenen Studien- und Forschungsschwerpunkte der Universität, in der Natur- und Lebensforschung etwa. Hier sei die Universität gut aufgestellt. Beim Neubau universitärer Gebäude könne die Universität vieles besser machen. Dabei verwies er auf den derzeitigen Neubau der Meteorologie: Das Gebäude sei auf komplette Klimaneutralität ausgelegt. Ein universitärer Neubau an prominenter Stelle innerhalb der Stadt Leipzig, der Neubau des Global Hub auf dem Wilhelm-Leuschner-Platz, wird in Holzbauweise entstehen. Dies sei eine architektonische Herausforderung angesichts der geplanten Höhe (fünf Stockwerke). Es könne durchaus passieren, dass während des Bauens Pläne angepasst werden müssten, so der Prorektor. Im Verlauf der Diskussion wurde von Teilen des Publikums kritisiert, dass trotz dieser Bauweise im Untergeschoss Stellplätze für zwanzig Fahrzeuge entstehen sollen, das passe nicht zu einem geänderten Mobilitätsverhalten in der Stadt. „Es gibt gesetzliche Vorschriften, die eine Mindestanzahl an PKW-Stellplätzen vorsehen“, beschreibt Middell das Dilemma. Die Universität sei im Gespräch mit der Stadt, ob diese Stellplätze umgewidmet werden könnten, etwa zu einer Fahrradtiefgarage.

Universität und Stadt Leipzig wachsen stetig – Chance für Nachhaltiges Bauen, aber mit Hindernissen

„Wir sind prozessgeprägt“, beschreibt Bürgermeister Heiko Rosenthal die Situation der Stadtverwaltung. Er verwies in der Diskussion auf die 90er Jahre, als die Stadt schrumpfte, die Einwohnerzahl auf unter 500.000 sank und seit den 2000er Jahren stetig ansteigt, auf derzeit rund 610.000. „Flächendeckend klimaneutral zu denken war jahrelang nicht möglich.“ Das Bevölkerungswachstum der Stadt sei ein Glück. „Wir müssen uns fragen: Wie sieht eigentlich die Quartiersentwicklung aus? Die Stadt baut weiter Schulen und KITAs und muss dabei auch an nachhaltiges Bauen denken.“ – Eine Herausforderung der Gleichzeitigkeit, so der Umweltbürgermeister. Zudem müsse sich die Stadt an unterschiedliche gesetzliche Rahmen hinsichtlich nachhaltiger Stadtentwicklung halten, die von der EU, vom Bund und auch vom Land kämen und zum Teil auch unterschiedlicher Art seien. Dies miteinander in Einklang zu bringen sei eine zusätzliche Herausforderung. Angesichts der beschriebenen Umstände in der Stadtentwicklung habe die Stadt viel Zeit verloren. Und, auch das gab Heiko Rosenthal zu, die Verwaltung sei ein „schwerer Tanker, der auch mal geschubst werden muss.“

Auch die Universität wachse stark, so Kanzlerin Dräger: „Wir brauchen Neubauten und haben bei den Ressourcen ein enges Korsett. Es ist nicht mehr denkbar, dass wir wie früher einfach neu in Beton bauen. Klimaneutrale Bauten sind keine, die man von der Stange baut. Unser Druck, neu zu bauen, kommt aus der Universität heraus. Raumkonzepte müssen überdacht werden, auch der ÖPNV-Anschluss spielt bei der Standortwahl für Neubauten eine Rolle.“ Auch bei der Fahrzeugflotte der Universität werde überprüft: „Brauchen wir so viele Fahrzeuge im Fuhrpark? Müssen wir alle Fahrzeuge ersetzen oder können wir die Anzahl reduzieren, beziehungsweise die Fahrzeuge durch Elektrofahrzeuge ersetzen?“ Die Universität sollte viele Gebäude haben, denen man ansieht, dass sie nachhaltig gebaut sind. Die Universität müsse künftig Nachhaltigkeit auch optisch ausstrahlen.

Institutionelle Zusammenarbeit zwischen Uni und Stadt bei Stadtgestaltung?

Aufgeworfen wurde die Frage: Gibt es zwischen der Stadt Leipzig und der Universität einen Transfer bezüglich Nachhaltigkeit? Punktuell ja, hieß es, zum Beispiel beim Projekt Vernässung des Auwalds und des Projekts „Lebendige Luppe“, bei der unter anderem das Leibniz-Institut für Troposphärenforschung TROPOS und das iDiv mit forschen. Zudem würden beide Institutionen beim Thema Fairtrade an einem Strang ziehen. Auch institutionell bezüglich der Stadtgestaltung gäbe es Zusammenarbeit punktuell, wie die Bebauung des Wilhelm-Leuschner-Platzes zeige, so Prorektor Middell. Ein institutioneller Austausch sei jedoch wichtig, merkten alle Diskutierenden an. „Unsere Studierenden sind eine große Kundengruppe bei den Stadtwerken, bei den Verkehrsbetrieben“, betonte Birgit Dräger. Kira Bartsch vom StuRa regte an, dass konkrete Nachhaltigkeitsexpertise zum Beispiel durch Lehrveranstaltungen eingebracht werden könne, etwa, in dem in Modulen Studierende gemeinsam mit der Stadt Konzepte entwickeln und so die Stadt in der Umsetzung von Nachhaltigkeitskonzepten konkret unterstützen könnten. „Input aus der Studierendenschaft ist wünschenswert“, begrüßte Heiko Rosenthal diese Idee. Und Antje Goller brachte auch die universitären Mitarbeitenden in die Waagschale: „Wir haben das Potential und viele überzeugte und aktive Menschen.“

Nachhaltigkeit an der Universität wird strategisch ausgerichtet

Wie kann die Hochschule selbst ihre Nachhaltigkeitsaktivitäten in eine Strategie packen? Seit April ist im neu gebildeten Rektorat das Thema Nachhaltigkeit fest verankert beim Prorektor für Campusentwicklung: Kooperation und Internationalisierung, Matthias Middell. „Es gab in den vergangenen Jahren verschiedene Zuständigkeiten zum Thema Nachhaltigkeit“, erklärte er. Diese gelte es nun zu bündeln und richtige Schlüsse zu ziehen. Doch um Energieeinsparpotentiale zu erkennen und umzusetzen, dazu fehlten der Universität und dem Staatsbetrieb Immobilien- und Baumanagement (SIB) Daten zur Vergleichsgrundlage. Zwar lägen Verbrauchsdaten für die unterschiedlichen Energieträger selbstverständlich vor, angesichts einer wachsenden Universität mit sich ändernden Verbräuchen etwa bei Strom und Fernwärme seien Vergleiche, wie man sie von seiner privaten Betriebskostenabrechnung kenne, nicht möglich. Auf die Frage aus dem Publikum, bis wann die Uni klimaneutral sein wird, antwortete Middell, dass das einst gesteckte Ziel 2023 sehr ambitioniert gewesen sei. „Mein Ziel ist, eine realistische Zielmarke zu geben.“ Dabei verwies er auch beispielhaft auf die Frage, aus welchen Quellen die Universität ihre Energie beziehe. Im Unterschied zu manch anderer Uni könne dies nicht beeinflusst werden, da die Energieversorgung der Gebäude Aufgabe des Freistaats sei.

Klimanotstand ausrufen?

Das Podium war sich einig, dass nicht viel Zeit bliebe und schnelles Handeln nötig sei. Für manchem im Publikum klang das offenbar nicht ganz so überzeugend, weshalb emotionale Zwischenrufe zu hören waren, wie: „Wir haben keine Zeit, es muss jetzt gehandelt werden. Jetzt, und nicht später.“

Ebenfalls gefragt wurde aus dem Publikum, ob die Universität beabsichtige, einen Klimanotstand auszurufen. „Kommen wir mit dem Ausrufen eines Klimanotstands weiter?“, fragte Kanzlerin Dräger. Antje Goller von der Initiative Mittelbau: „Wir sind an einem Punkt, wo Freiwilligkeit nicht mehr ausreicht.“ Dies bezog sich unter anderem auf die Frage, welche Verkehrsmittel für Dienstreisten zu nutzen seien, ob beispielsweise Kurzstrecken- bzw. Inlandsflüge überhaupt genehmigt werden dürften. Und in Richtung Hochschulleitung sagte sie: „Ich durchschaue nicht ganz, wo Sie Handlungsspielräume haben und wo nicht.“

Handlungsbedarf bestehe, darin sind sich Kira Bartsch von der AG Nachhaltigkeit und Kanzlerin Birgit Dräger einig, beim Green Office: Dem studentischen mitarbeitergeführten Nachhaltigkeitsbüro stehen derzeit drei studentische Hilfskräfte zur Verfügung. Um eine eigene Institution zu sein, brauche es aber eine Festanstellung. „Wir lernen, was Nachhaltigkeit ist. Wir müssen schnell in die Umsetzung kommen und alle Statusgruppen beteiligen und mitnehmen“, so Bartsch.

Konsens in der Runde und auch im Publikum war, dass die Zeit drängt. Dennoch, so Middell und Dräger einmütig: Es wird viel geforscht, in verschiedenen Disziplinen, auch hier an unserer Uni. „Wir brauchen Zeit zum Forschen.“ Diese Zeit müsse man der Wissenschaft auch einräumen.

  • Die Podiumsdiskussion in voller Länge steht auf dem YouTube-Kanal des Studium Universale zur Verfügung.