Nachricht vom

Im Februar vor 20 Jahren wurde die „Mathematische Vortragsreihe“ am Gymnasium St. Augustin zu Grimma ins Leben gerufen. Das Besondere: Hochschullehrer:innen kommen zu den mathematisch interessierten Schüler:innen und bringen somit nicht nur Studienflair ans Gymnasium, sondern auch exquisite mathematische Erkenntnisse, die über den Schulstoff hinausgehen. Initiatoren waren zwei Absolventen der Universität Leipzig, der Hochschuldozent Dr. Peter Göthner und der Fachlehrer für Mathematik Jens Negwer. Sie füllen die Vortragsreihe in Grimma bis heute mit Leben, gewinnen hochkarätige Vortragende, die sich ohne Honorar einbringen, und organisieren das Drumherum. 94 Vorträge standen seit 2004 auf dem Programm. Ein Besuch.

Unter den Vortragenden sind prominente, international bekannte und gefragte Wissenschaftler:innen, wie beispielsweise Prof. Ralf Laue mit „Die besten Tricks der Kopfrechner“ kurz vor der Weltmeisterschaft in Kopfrechnen 2019, der Leibniz-Preisträger und Direktor am Leipziger Max-Planck-Institut für Mathematik, Prof. Dr. László Székelyhidi mit „Starrheit der Polyeder“, Prof. Dr. Wilfried Grecksch, Rektor der Uni Halle-Wittenberg mit „Vom Münzwurf zur modernen stochastischen Forschung“, Prof. Dr. Max von Renesse, ehemaliger Direktor des Mathematischen Instituts Leipzig, mit „Optimaler Transport - eine praktische Theorie der Logistik und Geometrie“ oder auch der Biochemiker Pro. Dr. Jens Meiler, der am Leipziger Institut für Wirkstoffentwicklung die Humboldt-Professur inne hat, mit dem Thema „Faltung und Design von Proteinen – wie Computerspieler zur Lösung wissenschaftlicher Probleme beitragen“. Allein diese Aufzählung macht deutlich, dass die Vortragsreihe außergewöhnlich ist.

Eine Unterschriftensammlung der besonderen Art

Qualität und thematische Vielfalt haben sich längst herumgesprochen, so dass sich inzwischen auch interessierte Grimmaer unter das Publikum im kleinen Festsaal des Gymnasiums mischen und die Zahl auch schon mal an die 100 reicht. Dass ihre Initiative über so lange Zeit erfolgreich sein und so viel Zuspruch finden würde, hätten beide Initiatoren, die als eingespieltes Team Kopf und Herz der Veranstaltung sind, anfangs nicht gedacht. Den Ursprung erklärt Jens Negwer so: „Als Gymnasium haben wir schon Anfang der 90er Jahre versucht, mathematisch interessierte Schüler früh zu fördern, beispielsweise indem wir in den kleineren Klassen Arbeitsgemeinschaften eingerichtet haben. Das dünnt sich natürlich nach oben aus, weil sich die Interessen spezialisieren. Wir wollten aber auch eine Förderung in den älteren Klassenstufen anbieten. Der Weg über eine AG funktionierte nicht und so hatte Dr. Göthner die Idee einer Vortragsreihe mit ehemaligen Hochschullehrern. Sind wir damals mit 17 oder 18 Teilnehmern gestartet, hat sich die Zahl schnell erhöht. Die Vorträge dienen ja auch als Studienvorbereitung.“

Es gibt eine ganze Reihe von Schülerinnen und Schülern, die kontinuierlich dabei sind. Die Teilnahme wird in einem Pass eingetragen und von den Vortragenden signiert. Er kann auch als weiterführende Referenz genutzt werden und ist außerdem eine Autogrammsammlung von bedeutenden Mathematiker:innen, die wissende Augen glänzen lässt.

BEGEISTERUNG WECKEN UND BEGABUNG FÖRDERN

„Es geht uns darum“, erläutert Peter Göthner, „die Schülerinnen und Schüler in 90 Minuten mit verschiedenen Teilgebieten in Berührung zu bringen und so die Weiten der Mathematik aufzublättern. Die Vielfalt der Mathematik und ihre Anwendbarkeit soll so erlebbar werden. Meist sind es Themen, die weit über den Unterrichtsstoff hinaus gehen, von den Schülerinnen und Schülern der Sekundarstufe 2 aber durchaus zumindest ansatzweise verstanden werden können. Man muss nicht alles verstehen, sondern Anknüpfungspunkte haben, dann haben wir schon viel erreicht.“ Bei ihm selbst habe sich der mathematische Funke Zeit gelassen, bis er übergesprungen sei, ergänzt Göthner nicht ohne ein verschmitztes Schmunzeln. Und wie nicht selten sei es weniger ein spezielles mathematisches Problem gewesen, das die Begeisterung in ihm hervorgerufen habe, sondern ein beeindruckender Dozent an der Universität. Vorbilder, das zeigten auch die Vorträge, seien ganz wesentliche Faktoren, die junge Menschen beeinflussen und fördern.

zur Vergrößerungsansicht des Bildes: Hochschuldozent Dr. Peter Göthner und der Fachlehrer für Mathematik Jens Negwer sitzen im kleinen und prachtvollen Festsaal des Gymnasiums in Grimma.
Die Mathematische Vortragsreihe findet traditionell im prächtig ausgeschmückten Festsaal des Gymnasiums statt. Jens Negwer (links) und Dr. Peter Göthner wissen die besondere Atmosphäre sehr zu schätzen. Foto: Diana…

„Die Mathematik besitzt eine gewisse Schönheit in der Eleganz eines Beweises“, sagt Negwer und die Begeisterung für sein Fach ist greifbar. „Es gibt Probleme, da sieht man am Anfang keine Lösung, bekommt aber durch systematisches Arbeiten doch einen nachvollziehbaren Beweis hin. Wenn man das öfter erlebt und das auch als solches empfindet, dann ist das eine Motivation. Das versuche ich, meinen Schülern zu vermitteln.“ Natürlich gehöre das Rechnen zur Mathematik, ergänzt Göthner. „Im Grunde genommen ist sie jedoch eine beweisende Wissenschaft, die von gewissen Grundtatsachen ausgeht und sich dann schrittweise immer weitere Regionen erschließt, sowohl im Hinblick auf Anwendungen als auch auf innermathematische Probleme. Das ist erstaunlich spannend.“

Wie die Faszination beim Nachwuchs auslösen? Der Mathematiklehrer Negwer hat seinen Weg gefunden: „Die Leidenschaft muss man vorleben. Es ist wie im Sport, man muss bestimmte Grundlagen und Denkweisen trainieren. Das ist in einer Arbeitsgemeinschaft ganz anders möglich als im normalen Unterricht in sehr heterogenen Klassen. Um die Spitzenleute zu fördern und anzuregen braucht es mehr, neben AGs auch Wettbewerbe oder beispielsweise die mathematische Schülergesellschaft, die in Leipzig ja an der Uni angebunden existiert. Aber man muss natürlich auf die Lernenden zugehen, Angebote machen.“

BESONDERE VERBUNDENHEIT ZUR LANDESSCHULE GRIMMA UND ZUR UNIVERSITÄT LEIPZIG

Mathematik und Physik fürs Lehramt hat Negwer an der Universität Leipzig studiert und ist seit 1992 Lehrer am Gymnasium St. Augustin, einem Ort, an dem er selbst einst Schüler war. Die ehemalige kurfürstliche Landesschule Grimma mit ihrem imposanten Gebäude liegt im Stadtkern, direkt an der Mulde. Die Schule gehört zu den traditionsreichen Bildungsstätten Mitteldeutschlands und ist, 1550 gegründet, die drittälteste staatliche Schule Deutschlands, heute unter anderem auch ein Kompetenzzentrum für Begabungsförderung. Der kleine Festsaal ist mit seinen gold-blauen Wandbemalungen, die aussehen wie Brokatbehang, ein Schmuckstück, das schon so manchen Vortragenden beeindruckt hat. Peter Göthner kennt einige dieser Mathe-Koryphäen noch aus seiner fast 30-jährigen Tätigkeit am Mathematischen Institut in Leipzig und schreibt auf Empfehlungen weitere an. Spätestens die lange Vortragsliste wirkt überzeugend. „Eigentlich gehört es zu einem Hochschullehrer, einen Beitrag für den Nachwuchs zu leisten. Vortragsreihen, an Hochschulen angebunden, gibt es sicherlich genügend. Dass Lehrende der Hochschule in das kleine Grimma an eine Schule kommen, das dürfte für Sachsen außergewöhnlich sein.“

Alle sechs Termine für das laufende Jahr sind gesetzt, bald steht die Planung für 2025 an. Den 95. Vortrag am 07. März 2024 übernimmt Göthner wieder selbst und wird ein weiteres Mal den Beweis antreten, wie faszinierend Mathematik ist – quod erat demonstrandum.

Alumni-Netzwerk

Verbunden bleiben – Wissen weitergeben – Zukunft mitgestalten. Unter diesem Motto steht das Alumni-Netzwerk LEIPZIG ALUMNI. Alumnae und Alumni haben an unserer Alma mater studiert und damit auch ihre Geschichte miterlebt und mitgestaltet – wir laden sie daher ein, mit uns in Kontakt zu bleiben und das Leben an unserer Universität Leipzig aktiv zu begleiten. Schöne, vielfältige Erinnerungen, die bleiben, bilden dafür eine gute Grundlage. In regelmäßigen Abständen berichten wir daher im Universitätsmagazin sowie den Social-Media-Kanälen der Universität über Alumni und ihre Lebenswege. Melden Sie sich gern, wenn auch Sie eine schöne Geschichte zu erzählen haben.

Kommentare

Keine Kommentare gefunden!

Ihr Kommentar

Hinterlassen Sie gern einen Kommentar. Bitte beachten Sie dafür unsere Netiquette.