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Die Studienstiftung des deutschen Volkes ist die älteste Institution zur Begabtenförderung in Deutschland. Sie vergibt Stipendien an besonders begabte Student:innen und Doktorand:innen, die sich gesellschaftlich engagieren und sich durch Eigeninitiative auszeichnen. 264 von ihnen studieren oder promovieren im Augenblick an der Universität Leipzig. Damit nimmt die Universität Leipzig den 10. Platz unter 91 Universitäten bei der Zahl der Geförderten ein. Wie wird man eine:r von ihnen?

Einige Wochen nachdem Antonia Grunert ihr Abitur abgeschlossen hatte, flatterte ein unerwarteter Brief ins Haus: Eine Lehrerin ihres Gymnasiums in Halle (Saale) hatte sie wegen ihrer außerordentlichen Leistungen bei der Studienstiftung des deutschen Volkes empfohlen. Antonia Grunert bewarb sich für ein Stipendium und wird seit dem Beginn ihres Studiums der Psychologie sowie der Philosophie durch die Studienstiftung gefördert. Die heute 24-Jährige ist eine von 264 Studierenden und Doktorand:innen der Universität Leipzig, die von der Studienstiftung gefördert werden. Das sind etwa 0,75 Prozent der an der Universität Leipzig Eingeschriebenen. „Als ich den Brief bekam, hatte ich noch nie von der Studienstiftung gehört“, sagt sie rückblickend.

Anders Alma Schulenburg aus Gera: Als Abiturientin mit dem besten Zeugnis ihres Schuljahrs am Gymnasium ging sie selbst auf ihre Lehrerin zu und bat sie darum, sie bei der Studienstiftung zu empfehlen. „In meinem Bekanntenkreis wurde bereits jemand von der Studienstiftung gefördert und das wollte ich auch versuchen“, schildert sie ihre Motivation. Zwar zögerte die Lehrerin zunächst, doch die Abiturientin blieb dran und die Lehrerin verfasste schließlich das Schreiben. Auch Alma Schulenburg durchlief den Bewerbungsprozess erfolgreich. Derzeit studiert die 22-jährige Humanmedizin an der Universität Leipzig und ist in ihrer Freizeit musikalisch aktiv.

Wer kann sich bewerben und wie?

Die 1925 in Dresden gegründete Studienstiftung des deutschen Volkes ist das älteste und größte Begabtenförderungswerk in der Bundesrepublik. In ganz Deutschland fördert es etwa 14.800 Studierende und Doktorand:innen. Die Förderung ist offen für alle Studiengänge und Hochschularten. Die Auswahl und Förderung von Stipendiat:innen erfolgt anders als bei anderen Begabtenförderungswerken unabhängig von politischen, weltanschaulichen und religiösen Vorgaben. Neben sehr guten schulischen und akademischen Leistungen ist entscheidend, ob und wie sich ein:e Bewerber:in auch gesellschaftlich oder sozial engagiert. Der Auftrag der Studienstiftung ist laut Satzung, „die Hochschulbildung junger Menschen“ zu fördern, „deren hohe wissenschaftliche oder künstlerische Begabung und deren Persönlichkeit besondere Leistungen im Dienste der Allgemeinheit erwarten lassen“.

Wichtig ist, dass es sich um ein Erststudium in Vollzeit handelt; Zweit- oder Aufbaustudien werden laut Studienstiftung nicht gefördert. Wer nicht von der eigenen Schule empfohlen wurde, für den ist es noch nicht zu spät: Man kann sich im 1. Semester selbst bewerben und durchläuft zunächst einen Online-Test. Im zweiten Studienjahr können die Prüfungsämter an Universitäten und Hochschulen die besten 2 Prozent der Studierenden des Studienjahres zur Aufnahme vorschlagen. Herausragende Studierende und Promovierende können von Professor:innen jederzeit empfohlen werden. Wenn die Studienstiftung die Bewerber:innen für potenziell geeignet hält, werden sie zu einem Gespräch und einem Auswahlseminar eingeladen.

Wie sieht die Förderung aus?

„Die Förderung ist ideeller und finanzieller Natur“, erläutert Evamarie Hey-Hawkins. Die Professorin an der Fakultät für Chemie und Mineralogie ist seit 20 Jahren federführende Uni-Ansprechpartnerin zu Fragen der Studienstiftung. Finanziell unterstützt die Studienstiftung die Stipendiat:innen mit einem monatlichen Betrag, den sie später nicht zurückzahlen müssen. Hinzu kommen 300 Euro Studienkostenpauschale zur eigenen Verwendung pro Monat. Besonders wichtig sei jedoch die ideelle Unterstützung, betont die Professorin.

Jede:r Stipendiat:in ist einer Gruppe zugeordnet, in der sich Studierende und Doktorand:innen verschiedener Fachdisziplinen versammeln, und hat eine:n feste:n Ansprechpartner:in für Fragen rund um das Studium und die Förderung: die sogenannten Vertrauensdozent:innen. An der Universität Leipzig gibt es derzeit 20 von ihnen. Sie übernehmen die Aufgabe ehrenamtlich, zusätzlich zu ihrer Professur.

  • „Ohne die Studienstiftung hätte ich das sicher nicht gemacht.“
    Antonia Grunert

„Wir begleiten diese unglaublich begabten jungen Menschen und beraten sie“, sagt Prof. Dr. Sabine Griese vom Institut für Germanistik. Sie ist die Vertrauensdozentin jener Gruppe, zu der Grunert und Schulenburg gehören. „Sie sind sehr engagiert und voller Ideen, was mögliche Forschungsthemen und Projekte betrifft. Unsere Aufgabe ist es, manchmal ein wenig zu lenken und zu raten“, erläutert sie weiter. „Wir unterstützen sie in ihren Plänen und zeigen Möglichkeiten seitens der Studienstiftung auf.“ Die Initiative komme dabei jedoch von den Stipendiat:innen selbst. So förderte die Studienstiftung für Antonia Grunert ein Forschungspraktikum in den USA, welches sie selbst organisierte. „Ohne die Studienstiftung hätte ich das sicher nicht gemacht“, sagt Antonia Grunert.

Bei der Begleitung wird darauf geachtet, dass Vertrauensdozent:innen keine Stipendiat:innen in ihrer Gruppe haben, die sie selbst im Rahmen des eigenen Studienfachs benoten müssen. Das könnte einen Interessenkonflikt herbeiführen, der vermieden werden soll.

Zur Förderung gehören zahlreiche Angebote für die Stipendiat:innen, wie Studien-Akademien und Sprachkurse im Ausland in der vorlesungsfreien Zeit. „Das ist eine riesige Ressource, die uns die Studienstiftung zur Verfügung stellt“, sagt Alma Schulenburg. „Auf diesem Weg können wir an Wissen gelangen, das uns sonst nicht vermittelt wird. Damit können wir dann unser ganz eigenes Profil ausbauen und unsere Interessen vertiefen. Wer sich beispielsweise ehrenamtlich engagiert, kann Wissen über die Arbeit mit Förderanträgen erlangen.“

  • „Der Austausch erweitert den eigenen Horizont unheimlich."
    Antonia Grunert

Mindestens einmal im Semester treffen sich die Stipendiat:innen einer Gruppe in der Regel mit ihren Vertrauensdozent:innen. Antonia Grunert: „Der Austausch erweitert den eigenen Horizont unheimlich. Viele studieren andere Fächer als man selbst und haben ganz unterschiedliche Interessen und Schwerpunkte. Ihre Perspektive ist sehr bereichernd.“

Durch das Alumni-Netzwerk der Studienstiftung haben Stipendiat:innen zudem Kontakte zu Institutionen im In- und Ausland, an die man sonst schwer herankommt, sagt Prof. Dr. Hey-Hawkins. Im Netzwerk berichten zudem Stipendiat:innen über ihre Auslandsaufenthalte. „Das kann den Studierenden für ihren weiteren Weg wichtige Türen öffnen und weitere Chancen vermitteln“, sagt sie. „Gerade die Auslandserfahrung empfehlen wir sehr.“  

Was erwartet die Studienstiftung?

Im Gegenzug zur Förderung erwartet die Studienstiftung, dass die Stipendiat:innen in ihrer Leistung zu den besten 10 Prozent ihres Fachs gehören. Daher ist einmal im Semester oder im Studienjahr ein Bericht fällig, den sie für ihre Vertrauensdozent:innen und die Geschäftsstelle der Studienstiftung in Bonn verfassen. Darin gehen sie auf ihre Leistungen ein und bewerten ihre Entwicklung aus persönlicher Sicht. Diese Studienberichte sind wichtig, wenn nach den ersten vier Semestern der Förderung der Antrag auf Weiterförderung ansteht oder wenn ein Semester einmal nicht so gut läuft. „Dann schauen wir, welche Gründe es geben mag, ob es zum Beispiel außeruniversitäre Belastungen gibt, Probleme im familiären Bereich oder einfach Prüfungsstress, und wie wir gegebenenfalls helfen können“, erläutert Prof. Dr. Hey-Hawkins. „Wir wollen sehr gute Studierende in der Förderung haben; gleichzeitig erwarten wir jedoch auch, dass die Stipendiat:innen ihre Neigungen und ihre Fähigkeiten auch außerhalb der Universität nutzen, sich gesellschaftlich engagieren.“  Manchmal beschließen Studierende jedoch von sich aus, sich nicht für eine weitere Förderung zu bewerben, sagt Hey-Hawkins. „Das ist dann natürlich ihre Entscheidung. Von unserer Seite aus bieten wir aber jederzeit Unterstützung, auch bei Fragen zum Antrag auf Weiterförderung, an.“

Wie viel Freizeit bleibt?

Nun könnte man fragen: Bleibt bei dem straffen Studium, dem ehrenamtlichen Engagement und allen Aktivitäten noch Freizeit übrig? Darauf hat Alma Schulenburg eine klare Antwort: „Letztendlich ist ja das ganze Leben meine freie Zeit. Und ich entscheide, was ich mit meinem Leben machen möchte“, sagt sie. Die Studienstiftung biete eine von vielen Möglichkeiten, das eigene Potenzial zu entfalten, so Prof. Griese.

Als Elite-Studierende empfinden sich trotz ihrer Förderung weder Alma Schulenburg noch Antonia Grunert. „Die Studienstiftung ist eine Anlaufstelle für Leute, in deren Leben das Studium eine zentrale Rolle einnimmt“, sagt Antonia Grunert. „Ich finde aber nicht, dass Exzellenz im Studium einen auf ein Podest hebt. Man kann auch außerhalb der Uni vielseitig interessiert und engagiert sein und wichtige Dinge in der Gesellschaft tun – auch wenn das Studium nicht im Mittelpunkt steht oder man vielleicht gar nicht studiert.“

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