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In einer Zeit, in der die Welt durch multiple Krisen erschüttert wird, zeigt ein Forschungsnetzwerk aus Mitteldeutschland neue Wege auf. Juniorprofessorin Dr. Daniela Russ und Prof. Dr. Jonathan Everts sind Teil dieser Initiative. Sie erklären, wie sie mit interdisziplinären Ansätzen aus der Globalisierungs- und Transformationsforschung dazu beitragen wollen, eine neue Generation von Wissenschaftler:innen für die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts auszubilden. Der Beitrag erschien zuerst im Jahresmagazin 2023/24 der Universität Leipzig.

Die Welt ändert sich gegenwärtig dramatisch: Militärische Konflikte und erbitterte Handelskriege begleiten das Bemühen von Unternehmen, Produktionsketten, die eben noch global angelegt waren, aufs Notwendige zu verkürzen. Gleichzeitig entstehen neue Ungleichheiten, die nicht mehr nur Ungleichheiten der Lebenshaltungskosten sind, sondern auch Ungleichheiten in der Betroffenheit von Klimawandel und schrumpfender Biodiversität sowie der Resilienz gegen Zoonosen und Zivilisationskrankheiten.

Ende der Globalisierung?

Es herrscht Ratlosigkeit: Wie soll man all diese Herausforderungen zeitgleich angehen? Zudem polarisieren sich Gesellschaften über eben diese Frage: Wie kommen wir aus dieser Multikrise heraus? Man kann es am gerade vom Bundestag verabschiedeten Heizungsgesetz illustrieren: Hier schlagen viele Faktoren der Multikrise direkt auf die individuelle Lebensführung durch. Der tiefgreifende Wandel der Rohstoffzugänge infolge des russischen Angriffskriegs und der über Jahre verschleppte Technologiewandel der Dekarbonisierung haben unmittelbare Folgen für die Entscheidung über das künftige Heizsystem im eigenen Haus oder der gemieteten Wohnung. Es ist völlig verständlich, dass dies Konflikte mit sich bringt und dass die Politik besonders herausgefordert ist, solch komplexe Zusammenhänge zu erklären. Es liegt in der Natur der Multikrise, dass sie nicht durch einfache Entscheidungen zwischen zwei Optionen zum Verschwinden gebracht werden kann. Vielmehr droht auf längere Sicht eine steigende Komplexität der politischen Entscheidungssituationen. Das verursacht erkennbar massiven gesellschaftlichen Stress – hierzulande und gleichzeitig in allen anderen Teilen der Welt. Es ist wichtig, sich bewusst zu machen, dass wir eben nicht die Einzigen sind, die mit dieser Multikrise konfrontiert sind.

Daran, dass irgendwie alles mit allem auf der Welt zusammenhängt, hat uns die Globalisierungserzählung seit den 1990er Jahren gewöhnt. Ihre einfachen Versprechen, wonach durch bessere Vernetzung eine friedliche Weltordnung, ein enormer Produktionszuwachs und demzufolge auch Wohlstand für alle möglich wären, haben sich als Illusion erwiesen. Spätestens seit der Corona-Pandemie und dem russischen Krieg gegen die Ukraine schwindet die Überzeugungskraft dieser Erzählung. Vermehrt wird gefragt, ob die multiplen Krisen der Gegenwart eine Abkehr von weltumspannenden, transregionalen Verflechtungen nötig machen oder einfach mit sich bringen.

zur Vergrößerungsansicht des Bildes: Prof. Dr. Matthias Middell ist Sprecher des Exzellenzclustervorhabens "New Global Dynamcis". Foto: Christian Hüller
Prof. Dr. Matthias Middell ist Sprecher des Exzellenzclustervorhabens "New Global Dynamcis". Foto: Christian Hüller

Neue Globale Dynamiken: Widersprüchlich, überlappend und dezentriert

Die Frage nach dem Charakter der Multikrise und dem Schicksal der Globalisierung beschäftigt seit 2016 ein engagiertes Team von Wissenschaftler:innen aus Leipzig und Halle, die sich im Forum for the Study of the Global Condition zusammengeschlossen haben. Das Team plädiert dafür, globale Prozesse auf völlig neue Weise zu verstehen. Im Hintergrund der Multikrise seien „Neue Globale Dynamiken“ am Werk, die eben nicht linear und von einem Zentrum ausgehend wirken, sondern widersprüchlich, überlappend und dezentriert. Sie formen und verändern unseren Planeten, der sich nicht in eine Welt abgeschlossener – nationaler und regionaler – Einheiten zurückverwandeln wird, aber eben auch keine homogene Ordnung hervorbringt. Zugleich bilden sich neue soziale Bewegungen heraus, denen das Schicksal des Planeten und seiner Gesamtbevölkerung am Herzen liegen und die dafür eintreten, in all dem Konfliktreichtum der Neuen Globalen Dynamiken das gemeinsame Interesse an der Vermeidung der Erderhitzung, an der Beseitigung von Hunger und Krankheiten und an gerechter Teilhabe aller in den Vordergrund zu rücken.

Prof. Dr. Matthias Middell, der Sprecher des Konsortiums, stellt klar: „Die Erforschung der Neuen Globalen Dynamiken ist eine besondere Herausforderung, weil sie einerseits interdisziplinäre empirische Untersuchungen in Bereichen erfordert, die traditionell getrennt wurden, etwa in den Natur- und den Gesellschaftswissenschaften, und weil sie andererseits neue Theorien und Methoden in diesen verschiedenen Bereichen beobachten, erfassen und integrieren muss.“ Kein noch so großes Forschungszentrum kann die Dynamiken in ihrer Gesamtheit untersuchen. Es bedarf vielmehr eines weitgespannten Forschungsnetzes mit Zentren der Globalisierungsforschung, wie es Schritt für Schritt derzeit aufgebaut wird.

Einer der Knotenpunkte dieses Netzes liegt in Mitteldeutschland, wo sich die Universitäten Halle und Leipzig mit drei Max-Planck-Instituten, drei Leibniz-Instituten und dem Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung zusammengetan haben.

zur Vergrößerungsansicht des Bildes: Daniela Russ vor einem Feld mit Windrad und Strommast
Daniela Russ ist seit 2022 Juniorprofessorin für Globale Dynamiken des Ressourcengebrauchs und der Ressourcenverteilung am Global and European Studies Institute der Universität Leipzig. Foto: Christian Hüller

Globale Dynamiken des Ressourcengebrauchs

Das Netzwerk hat sich in den letzten Jahren bewusst mit jungen Wissenschaftler:innen verstärkt, die neue Ansätze vertreten. Zu ihnen zählt Prof. Dr. Daniela Russ. Sie ist seit Oktober 2022 Juniorprofessorin für Globale Dynamiken des Ressourcengebrauchs und der Ressourcenverteilung am Global and European Studies Institute der Universität Leipzig. Mit ihrer „sozial- und kulturwissenschaftlichen Ressourcenforschung“ spannt sie einen weiten Bogen über die Geschichte natur- und ingenieurwissenschaftlichen Wissens – über Energie bis zu den gesellschaftlichen Zusammenhängen, in denen die Nutzung von so unterschiedlichen Ressourcen, wie fossile Brennstoffe und erneuerbare Energien, immer steht.

Auch diese Geschichte ist durch eine tiefe Zäsur geprägt: Industrialisierung und Vergrößerung der Produktion wurden lange noch im Rahmen einer natürlichen Wirtschaft begriffen, etwa als geschickte Realisierung einer in der Natur angelegten Produktivität. „Spätestens seit den 1970er Jahren ist jedoch klar, dass die Art, wie die Gesellschaft sich materiell reproduziert, ihre natürlichen Lebensbedingungen nicht nur im Einzelnen, sondern systematisch gefährdet: Die Herstellung unserer Lebensbedingungen untergräbt unsere Lebensbedingungen.“ Die Meistererzählung der Moderne vom Wohlstand durch Wachstum funktionierte lange Zeit und schien mit den Erfahrungen übereinzustimmen, wurde aber auch intensiv propagiert. „Das ist heute nicht mehr plausibel“, sagt Daniela Russ – einerseits, weil es, zumindest in Europa, schon seit Jahrzehnten kaum noch Wachstum gebe und andererseits, weil der Zusammenhang gar nicht so schlüssig sei. „Man kann zwar immer produktiver werden, aber die Menschen werden deswegen nicht glücklicher oder freier. So einfach lässt sich der Zusammenhang nicht darstellen: Das eine bedingt das andere, aber es fällt nicht mit ihm zusammen.“

Spätestens seit den 1970er Jahren ist klar, dass die Art, wie die Gesellschaft sich materiell reproduziert, systematisch ihre Lebensgrundlagen gefährdet.

Juniorprofessorin Dr. Daniela Russ

Besonders interessiert sie deshalb, welche Brüche und Kontinuitäten sich in der fossilen wie erneuerbaren Energiewirtschaft beobachten lassen, aber auch, welche materiellen, historischen und gesellschaftlichen Bedingungen für ihr Funktionieren notwendig sind.

Die gegenwärtigen Debatten über den Wandel zum „grünen Kapitalismus“, sagt sie, wiesen interessante Parallelen zum 19. und frühen 20. Jahrhundert auf, die sie in ihrer Doktorarbeit untersucht hat. Damals ging mit der flächendeckenden Elektrifizierung auch die Hoffnung einiger Ingenieure und Sozialreformer einher, aus der Verfügbarkeit von Strom aus unterschiedlichen Quellen, wie Wasserkraft und thermischen Kraftwerken, sowie der Möglichkeit seiner Verteilung über Netze ergebe sich eine gerechtere und ökologisch rationalere Gesellschaft. 

Skeptisch bleibt sie darum auch gegenüber der Erwartung, dass erneuerbare Energieträger mit einer völlig anderen Wirtschaftsweise einhergehen: „Die kapitalistische Verwertung steht durchaus vor einer Herausforderung durch die Unbeständigkeit erneuerbarer Energien. Aber es gibt keinen Automatismus, dass diese Energieträger eine postkapitalistische oder dezentral organisierte Gesellschaft hervorbringen.“ Auch wenn Energie häufig eine eigenständige soziale Macht zugeschrieben wird, sollten wir uns vor einem „Energiedeterminismus“ hüten. „Die Nutzung von Energie und die Entwicklung neuer Technologien findet immer in existierenden sozialen Beziehungen statt.“

zur Vergrößerungsansicht des Bildes: In den letzten zwei Jahrhunderten mussten viele Ortschaften dem Braunkohlebagger weichen. Mit dem bundesweiten Kohleausstieg ein in reichlichen Mengen verfügbarer Rohstoff soll jetzt aus Klimaschutzgründen in Deutschland nicht mehr genutzt werden. Foto: Colourbox
In den letzten zwei Jahrhunderten mussten viele Ortschaften dem Braunkohlebagger weichen. Mit dem bundesweiten Kohleausstieg ein in reichlichen Mengen verfügbarer Rohstoff soll jetzt aus Klimaschutzgründen in Deutschland…

Mensch und Natur – Eine neue Geschichtsschreibung

All diese Technologien, so erläutert sie, beruhten selbstverständlich auf natürlichen Bedingungen: Die Dampfmaschine etwa setzt die Elastizität des Dampfes voraus, die Photovoltaik auf den photoelektrischen Effekt. Technologien sind nie durch und durch sozial; sie machen sich materielle Eigenschaften zunutze, die die Gesellschaft nicht selbst hervorbringt. Dennoch folge aus der Tatsache, dass etwas Sonnenlicht überall auf die Erde trifft, keine bestimmte soziale Organisationsform der Energieerzeugung.

Die Vielfalt der Nutzung lässt sich deutlich an der Globalisierung der Energiewirtschaft sehen. Man könne hervorragend rekonstruieren, wie sich Maschinen und Technologien in der Welt verbreiten und – trotz ihrer einheitlichen Funktionsweise – immer wieder anders verstanden, umgebaut werden und sich auch anders auf Gesellschaften auswirken. Dabei steht jedoch stets ein Aspekt im Vordergrund: All diese Verflechtungsprozesse laufen nicht auf ,natürliche‘ Weise ab, es setzt sich hier keine natürliche Überlegenheit einer Technologie durch, sondern es sind stets Menschen, die sie machen und vorantreiben. Wo auch immer diese Technologien ankommen, gibt es jemanden, der sie unter neuen Vorzeichen übernimmt, verändert oder weiterverbreitet.

All diese Verflechtungsprozesse laufen nicht auf ,natürliche‘ Weise ab, es setzt sich hier keine natürliche Überlegenheit einer Technologie durch, sondern es sind stets Menschen, die sie machen und vorantreiben.

Diese Rolle nahmen häufig Expert:innen ein, die sich als neutrale Fachleute verstehen, deren Wirken jedoch tiefgreifende soziale und wirtschaftliche Folgen zeitigt. So sei etwa die territoriale und industrielle Expansion des russischen Kaiserreiches und der frühen Sowjetunion auch von der Vorstellung beeinflusst gewesen, der Mensch könne die Biosphäre komplett beeinflussen. Ozeane, Sonnenstrahlen, die chemische Zusammensetzung der Atmosphäre – das Studium all dieser Faktoren würde früher oder später, so glaubte man – dazu befähigen, unbewohnbare Teile der Erde für Menschen lebenswert zu machen, die Welt nach eigenen Maßgaben zu gestalten.

Eine Denkweise, die noch heute virulent und für das Verstehen Neuer Globaler Dynamiken ausgesprochen wichtig ist: Dem gegenwärtigen Diskurs liegt oft die Annahme zugrunde, die Natur sei lediglich ein passives Substrat, das unserem Handeln ausgeliefert ist. Hieraus will die Forschungsinitiative eine neue Geschichtsschreibung entwickeln, die solche Gegenwartsdiagnosen zum Ausgangspunkt ihrer Analyse macht. Mensch und Natur verhalten sich nicht, wie oft suggeriert, einseitig und asymmetrisch zueinander: Neben der Ausbeutung natürlicher Ressourcen durch den Menschen steht das menschliche Denken und Handeln auch in natürlichen Bedingungen.

zur Vergrößerungsansicht des Bildes: Porträtfoto von Prof. Dr. Jonathan Everts
Jonathan Everts ist seit 2018 Professor für Anthropogeographie am Institut für Geowissenschaften und Geographie der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Foto: Antje Gildemeister

Kohleausstieg und Ressourcenkonflikte: eine Frage der Skalierung

Während Daniela Russ einen Blick in die Maschinenhalle der Wirtschaft mit dem in Leipzig seit Längerem verfolgten globalhistorischen Ansatz verbindet, nähert sich Prof. Dr. Jonathan Everts, Professor für Humangeographie an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg und Ko-Direktor des Hallenser Zentrums für Interdisziplinäre Regionalstudien (ZIRS), dem Problem auf andere Weise: „Einige global gedachte Phänomene äußern sich in manchen Regionen kaum, während sie andere existenziell bedrohen. Umgekehrt gibt es Herausforderungen, die uns lokal sehr wichtig sind, die aber auf globaler Ebene gar nicht aufscheinen.“ Es ist diese Konkurrenz zwischen globalen und lokalen Interessen, die Jonathan Everts fasziniert und die er momentan in vielen gesellschaftlichen Konflikten am Werk sieht.

Die Skalierung dieser Ressourcenkonflikte verändert sich dabei immer wieder: In den letzten zwei Jahrhunderten mussten viele Ortschaften dem Braunkohlebagger weichen. Das lokale Wohl wurde für die Energiesicherheit einer Region und deren Wohlstand geopfert. Doch im Angesicht des Klimawandels werde diese Ebene nun ausgestochen. „Für das Wohl der noch größeren Allgemeinheit muss das regionale wirtschaftliche Wohl zurückstehen“, interpretiert Everts die Bemühungen um den Kohleausstieg. Zugleich inspirieren sich lokale und globale Protestinitiativen – wie zuletzt in Lützerath – gegenseitig und versuchen, regionale Interessen zurückzudrängen. Der beschlossene bundesweite Kohleausstieg zeigt: mit bemerkenswertem Erfolg. Ein in reichlichen Mengen verfügbarer Rohstoff wird aus Klimaschutzgründen in Deutschland künftig nicht mehr genutzt. Ein epochales Kapitel der Energie- und Industriegeschichte neigt sich dem Ende zu.

Die Braunkohle hat Wirtschaft, Landschaften und Menschen geprägt, die sich nun inmitten einer tiefgreifenden Transformation wiederfinden. Mit gigantischen Investitionen sollen die großen Braunkohlereviere, zu denen die mitteldeutsche Region um Leipzig und Halle zählt, nun auf eine postfossile Zukunft vorbereitet werden – so wie viele andere Regionen auf der Welt. Es ist nur ein Beispiel direkt vor der Haustür, das zeigt, dass die Lösung der Energiekrise nicht nur technologische Innovationen erfordert, sondern auch ein komplexeres Verständnis der sozio-ökologischen Dynamiken der Energiebeschaffung und -verteilung.

Für das Wohl der noch größeren Allgemeinheit muss das regionale wirtschaftliche Wohl zurückstehen.

Prof. Dr. Jonathan Everts

Forschungsinfrastrukturen der nächsten Generation

Die Wissenschaft war dabei kein stummer Zeuge der Veränderungen, sondern gerade in Leipzig und Halle Mitbetroffene und Mitgestalterin dieser Transformation. So erklärt sich, dass an beiden Standorten eine weltweit anerkannte Globalisierungs- und Transformationsforschung gepaart mit starken Regionalwissenschaften als Profilschwerpunkte entstanden. Dies hat sich in einer Serie erfolgreicher Verbundprojekte niedergeschlagen, auf die das Konsortium nunmehr aufbauen kann. Das strategische Ziel ist aber mehr als eine Fortführung erfolgreicher Forschung. Es geht vielmehr darum, eine neue Art der Ausbildung zu schaffen, die die kommende Generation für den Umgang mit der Multikrise qualifiziert und verhindert, dass sie dafür in den Containern einzelner Disziplinen bleibt.

Hierfür hat der Wissenschaftsrat im Jahr 2021 auf Grundlage des Forschungskonzepts und im Hinblick auf die exzellenten Forschungsleistungen und Zukunftsaussichten der Globalisierungsforschung den Bau eines Forschungsneubaus für 34 Millionen Euro bewilligt. Der „Global Hub“ entsteht gegenwärtig auf dem zentral gelegenen Wilhelm-Leuschner-Platz in Leipzig und soll bis 2026 fertiggestellt werden. Bis 2028 entsteht in Halle wiederum das „Zukunftszentrum für Deutsche Einheit und Europäische Transformation“, das vom Bund mit 200 Millionen Euro gefördert und eine Forschungsabteilung mit zirka 20 wissenschaftlichen Mitarbeiter:innen integrieren wird, um Transformationsprozesse und -erfahrungen zu untersuchen. Jonathan Everts wirkte mit seinem ZIRS-Team am erfolgreichen Antragsprozess federführend mit.

Der nächste Schritt bei der Integration beider Standorte soll eine „School for New Global Dynamics“ sein, in der internationale Masterprogramme und Promotionsausbildung einen prominenten Platz finden und die Talente aus aller Welt anzieht. Wenn alles wie geplant verläuft, nimmt sie in den nächsten zwei Jahren ihre Arbeit auf und hat hoffentlich schon am Ende unseres Jahrzehnts die ersten Absolvent:innen, die nicht mehr ratlos vor der Multikrise stehen, sondern genug über Neue Globale Dynamiken gelernt haben, um ihr entschlossen zu begegnen.

Daniela Russ ist seit 2022 Juniorprofessorin für Globale Dynamiken des Ressourcengebrauchs und der Ressourcenverteilung am Global and European Studies Institute der Universität Leipzig. Ihren fachlichen Hintergrund hat Daniela Russ in der Soziologie und Politikwissenschaft. Während ihres Masterstudiums machte sie einen kurzen Streifzug in die Physik. Ihre wissenschaftliche Reise führte sie nach Abschluss des Studiums nach Bonn und Bielefeld, zu Stipendien am Deutschen Historischen Institut in Moskau und an die Columbia University in New York sowie schließlich an die University of Toronto. Sie wurde mit einer Arbeit zu „Working Nature: Steam, Power, and the Failure of the Energy Economy“ promoviert.

 

Jonathan Everts ist seit 2018 Professor für Anthropogeographie am Institut für Geowissenschaften und Geographie der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Gleichzeitig ist er Ko-Direktor Zentrums für Interdisziplinäre Regionalstudien (ZIRS) sowie des Instituts für Strukturwandel und Nachhaltigkeit (HALIS). Sein akademischer Weg führte ihn an die Universitäten Freiburg, Bonn und Bayreuth sowie als ESRC Postdoc Fellow zur Universität Sheffield. Seit seiner Promotion arbeitet er an Theorien sozialer Praktiken und wendet diese in verschiedenen Forschungsbereichen, wie der Konsumgeographie, der Migrationsforschung oder der Mensch-Umwelt-Forschung, an.

Über das Exzellenzclustervorhaben "New Global Dynamics"

Die sozialen Gemeinschaften auf unserem Planeten sind eng miteinander verflochten. Nun jedoch stehen wir scheinbar vor einer Zäsur: Neue Handelskriege, der Klimawandel, soziale Fragmentierung und der Konflikt von Weltanschauungen erschüttern alle Weltregionen und erwecken den Eindruck einer globalen Multikrise. Lösen sich die transnationalen und transregionalen Verflechtungen wieder auf?  Bislang galt für die Erklärung weltweiter Phänomene das Globalisierungsparadigma. Doch im Angesicht der Multikrise scheint seine Aussagekraft erschöpft.

Mit dem Exzellenzcluster „New Global Dynamics“ sollen die globalen Veränderungen in Geschichte und Gegenwart besser verstanden und ein neues Erklärungsmodell entwickelt werden. Das Cluster untersucht die Prozesse nicht als einfache, lineare Entwicklungen, sondern als ein komplexes Zusammenspiel verschiedener Dialektiken: Integration und Fragmentierung (räumlich), Zugehörigkeit und Fremdheit (sozial), Koexistenz und Wettbewerb (epistemisch), Ausbeutung und Erhaltung (Mensch-Natur).

Das Cluster will die Beziehungen zwischen den Dynamiken analysieren und ihre Auswirkungen auf das Leben von Individuen und Gemeinschaften erforschen. Dabei bringt es Expertise aus den Geistes-, Sozial-, Umwelt- und Regionalwissenschaften zusammen. Ziel ist die Einrichtung einer „School for New Global Dynamics“.

An dem Vorhaben beteiligen sich die Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg und die Universität Leipzig gemeinsam mit dem Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung – UFZ, dem Leibniz-Institut für Geschichte und Kultur des östlichen Europa, dem Leibniz-Institut für jüdische Geschichte und Kultur - Simon Dubnow und dem Leibniz-Institut für Länderkunde sowie dem Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie, dem Max-Planck-Institut für Geoanthropologie und dem Max-Planck-Institut für ethnologische Forschung.

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