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Ukrainisch-Sprachkurse sind derzeit stark nachgefragt. Kyrillische Buchstaben schrecken dennoch manchen genauso ab, wie Vokabeln und Grammatik zu pauken. Dr. Kersten Krüger ist Fachmann für Ukrainisch. Der langjährige wissenschaftliche Mitarbeiter am Institut für Slavistik gibt gemeinsam mit Horst Rothe, ehemaliger Mitarbeiter am Universitätsrechenzentrum, ein Deutsch-Ukrainisches Wörterbuch heraus, das stets aktualisiert wird. Seine Lust auf Ukrainisch versucht er, auf die Teilnehmer:innen seiner Seminare zu übertragen. Die Bedeutung des Ukrainischen werde zunehmen, so der Sprachwissenschaftler.

„Jeder kann Ukrainisch lernen“, sagt Dr. Kersten Krüger voller Überzeugung. Er weiß, wovon er spricht, schließlich hat er selbst erst nach seinem Russisch-Studium mit dem Ukrainischen angefangen, zuerst bei einer ukrainischen Kollegin. Nun gibt er wiederum seine Kenntnisse an interessierte Studierende weiter. Krüger ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Slavistik, dort lehrt er im Bereich ostslawische Sprachwissenschaft, die sich hauptsächlich auf das Russische konzentriert. Sein Herz schlägt aber auch für das hierzulande weniger bekannte Ukrainische.

Das Seminar „Ukrainische Phonetik und Grammatik“ gibt einen ersten Einblick in die ostslawische Sprache; vertieft werden die Kenntnisse im vierstündigen Sprachkurs, der ebenfalls zum Modul gehört und in diesem Semester von zwei Ukrainerinnen geleitet wird, die aus ihrer Heimat geflohen sind.

Gemeinsam mit bis zu 20 Studierenden erarbeitet Krüger die wesentlichen Merkmale des Ukrainischen. Die meisten Studierenden kommen aus den Bachelorstudiengängen Ostslawistik und Westslawistik, aber das Modul steht auch dem Wahlbereich offen. „Aktuell haben wir mehr Zulauf“, freut sich Kersten Krüger. „Auch Gasthörerinnen und Gasthörer sind uns willkommen.“ Er betont, dass es das Modul ermöglicht, Ukrainisch zu lernen, auch wenn man vorher keine slawische Sprache beherrscht. Allerdings braucht es Zeit, Energie und eigene Motivation, um besser zu werden – so wie bei jeder anderen Sprache auch.

Sprache lernen mit „sieben Sieben“

Sein Seminar ist, so sagt er selbst, „ganz pragmatisch darauf ausgerichtet, dass die Studierenden schnell ins Ukrainische finden.“ Viele bringen Vorkenntnisse aus dem Russischen mit, beherrschen also schon die kyrillische Schrift oder eine slawische Sprache. Das erleichtert einiges, doch Krüger ist daran gelegen, alle Studierenden auf ein ähnliches Level zu bringen.

„Zu Beginn des Semesters besprechen wir erst einmal die Graphematik des Ukrainischen, konzentrieren uns also auf die Schrift“, erzählt er. Als nächstes Themengebiet führt Krüger in die ukrainische Phonetik ein, erklärt seinen Studierenden, welche Laute und Ausspracheregeln im Ukrainischen wichtig sind und die Sprache beispielsweise vom Russischen abgrenzen. Anschließend widmet sich das Seminar dem größten Gebiet: der ukrainischen Grammatik.

Der Zugang zum Sprachenlernen, so der erfahrene Sprachwissenschaftler, baut dabei auf der Methode des EuroComSlav-Projekts und der Idee der „sieben Siebe“ auf: Indem man Elemente einer bekannten Sprache in der Fremdsprache aufspürt und sich erschließt, kann man die neue Sprache recht effektiv und relativ schnell erlernen. „Die Methode beginnt mit Internationalismen. Also international genutzte Begriffe, die man sofort versteht, wenn man die kyrillische Schrift lesen kann.“ Präfixe und Suffixe bilden ein weiteres „Sieb“: Vor- und Nachsilben sind in vielen slawischen Sprachen ähnlich und daher besonders wichtig für das Erlernen von Ukrainisch.

  • „Wir erleben aktuell eine sukzessive Entfernung vom Russischen und auch eine bewusstere Trennung im Sprachgebrauch.“
    Dr. Kersten Krüger

 

„Mir ist wichtig, dass wir Texte zur Illustration nutzen“, berichtet der Slavist. „Die Studierenden sollen nicht einfach nur auf Deklinationstabellen schauen.“ Er arbeitet bevorzugt mit authentischen Texten, wie etwa Zeitungsberichten oder humoristischen Texten, aber auch mit sprachwissenschaftlichen Fachartikeln oder Ausschnitten aus Romanen. Selbst Belletristik kann, so Krüger, schnell und gut verstanden werden. Zur Unterstützung nutzen die Studierenden häufig das Ukrainisch-Deutsche Wörterbuch, das digital zur Verfügung steht und das Kersten Krüger mit ins Leben gerufen hat. Mithilfe des Wörterbuchs kann man sich Wort für Wort die deutsche Bedeutung anzeigen lassen, was es den Studierenden erleichtert, sich mit Grundkenntnissen in der Grammatik ganze Texte zu erschließen. Das Wörterbuch ist für ihn eine Herzensangelegenheit und schon immer eng mit seinem Unterricht verbunden. Von Anfang an wurde er dabei unterstützt von studentischen Hilfskräften, allesamt ukrainische Muttersprachlerinnen.

Seminar profitiert vom gegenseitigen Austausch zwischen Muttersprachler:innen und Nichtmuttersprachler:innen

„Für die Studierenden ist es toll, an so einem echten Projekt mitarbeiten zu können“, erzählt Krüger. „Sie können zuschauen, wie das Wörterbuch wächst und lernen auch die technische Seite kennen.“ Besonders wichtig ist ihm, die Expertise zu nutzen, die muttersprachliche Studierende mitbringen, insbesondere da Krüger die Eigenständigkeit des Ukrainischen hervorheben möchte statt es, wie lange geschehen, nur als bloßen Dialekt des Russischen zu betrachten.

„Wir erleben aktuell eine sukzessive Entfernung vom Russischen und auch eine bewusstere Trennung im Sprachgebrauch“, schildert er. „Viele Muttersprachlerinnen und Muttersprachler streben danach, etwas gut und treffend auf Ukrainisch auszudrücken anstatt sich beispielsweise an Anglizismen zu bedienen.“ So nutzen Ukrainer:innen im Internet häufig eine ukrainische Entsprechung statt des englischen „Like“, um auszudrücken, dass ihnen etwas gefällt.

Wie geht es mit den Sprachkursen weiter?

Beinahe nebenbei wird in Krügers Lehrveranstaltung auf diese Weise auch deutlich, wie vielfältig Sprache ist und wie eng sie mit Fragen der Identität verwoben ist. „Sprache ist längst nicht so normiert, wie wir meinen“, sagt er. Sein Seminar profitiert vom gegenseitigen Austausch zwischen Muttersprachler:innen und Nichtmuttersprachler:innen, da wird über die möglichen Bedeutungen und Bedeutungsabstufungen von Wörtern diskutiert und die Studierenden werden zur Reflexion über Sprache animiert. Auch Kersten Krüger selbst lernt dadurch immer noch dazu.

Er glaubt fest daran, dass das Ukrainische perspektivisch immer wichtiger wird. Für die Zukunft erhofft sich Krüger daher, dass das Modul jedes Semester angeboten werden kann und vielleicht sogar ein Aufbaumodul konzipiert wird. Unklar ist, wie es nach Krügers Ruhestand im nächsten Jahr weitergehen wird. Vorerst aber freut er sich auf alle interessierten Studierenden, die im kommenden Wintersemester Ukrainisch lernen wollen – ob mit Vorkenntnissen einer slawischen Sprache, oder ohne. Gerade Studierende aus dem Wahlbereich können so entdecken, wie vielfältig die Slavistik ist.

Eva Maria Kirbach

  • Auch im Wintersemester wird wieder ein Ukrainisch-Kurs angeboten. Über Details wird das Vorlesungsverzeichnis des Instituts für Slavistik für das Wintersemester 2022/23 informieren.