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Im letzten Oktober erhielt Prof. Dr. Ulrike Draesner einen der wichtigsten Deutschen Literaturpreise. „Ulrike Draesner konfrontiert uns mit Unvereinbarem und Schmerz. Sie experimentiert mit literarischen Formen und fordert die Sprache heraus, ohne ihr Publikum dabei aus den Augen zu verlieren“, hieß es in der Jurybegründung zum Großen Preis des Deutschen Literaturfonds 2021. Ihr Roman „Schwitters“ ist eine Geschichte von Flucht und Vertreibung. Darüber sprachen wir aus Anlass der Preisverleihung mit der Professorin für Deutsche Literatur und derzeitigen Direktorin des Deutschen Literaturinstitutes der Universität Leipzig im Herbst 2021. Der nachfolgende Ausschnitt des Interviews hat durch den Krieg in der Ukraine an Aktualität gewonnen.

Was bringt Ihren Roman „Schwitters“ in die Gegenwart?

„Schwitters“ ist auf den ersten Blick, würde man denken, ein historischer Stoff. Das ist auch richtig. „Schwitters“, der Roman, beginnt im Jahr 1936. Schwitters ist gezwungen, als entarteter Künstler vor den Nationalsozialisten zu fliehen. Er geht zunächst nach Norwegen ins Exil und dann nach England. Dort stirbt er 1948, mit 60 Jahren.

Mich interessiert das Thema Zwangsmigration, Flucht und Vertreibung schon seit Längerem. Ich habe drei Romane zu dem Thema geschrieben. Darin beschreibe ich unmittelbar die Verbindungen in unsere heutige Welt in den Fragen, die uns beschäftigen. Es gibt zugleich, neben der Spiegelung hinein in die Geflüchteten, heute die Fragen der Migrationsströme, die uns in Europa und weiter über Europa hinaus beschäftigen. Darin steckt eine spezifischere geschichtliche Frage.

Ich komme selbst aus einer Familie, die gespalten war. Meine Mutter stammte aus Bayern und meine Vater-Familie kam aus Schlesien. 1945 waren sie also Geflüchtete. Ich bin mit diesen Geschichten und dieser gespaltenen Identität – übrigens auch einer gespaltenen Ost-West-Identität – aufgewachsen. In den letzten 15 Jahren habe ich mich intensiv mit Fragen beschäftigt, wie solche Erlebnisse, Traumatisierungen oder Verletzungen innerhalb von Familien weitergegeben werden, wie sie noch die Kindeskinder beeinflussen werden. Man nennt das intergenerationelles Gedächtnis oder Post Memory. Dazu habe ich viel geforscht, Interviews gelesen, selbst Zeitzeugengespräche geführt, auch mit Menschen in Polen, die aus Ostpolen, das heute zur Ukraine gehört, nach Schlesien vertrieben worden waren und eine Spiegelgeschichte zu der deutschen Geschichte erlebt hatten. Das ist ein europäisches Thema, weil sich dabei herausstellte, wie viele Gemeinsamkeiten im Erleben es mit unseren Nachbarn in Polen gibt. Auf dieser Ebene könnten wir noch einmal ein ganz anderes Gespräch anknüpfen als es bislang geführt wird.

In dem Roman „Schwitters“ spielen die Fragen nach Heimat, Verlust und Flucht eine wesentliche Rolle. Der Künstler Schwitters ist ein historisches Beispiel, an dem man im Als-ob-Modus des Lesens quasi am eigenen Leib erfahren kann, was es heißt, elf Jahre auf der Flucht zu sein. Was dies bedeutet, verstand ich erst an seinem Beispiel: Kurt Schwitters ist Anfang 50, als er Hannover verlassen muss. Ein gut aussehender, kräftiger Mann. Zehn Jahre später ist er herzkrank und hat nur mehr acht Zähne. Auf der Flucht zu sein heißt, medizinisch nicht versorgt zu werden, zu hungern, alles Gepäck, vielleicht auch geliebte Menschen zu verlieren. Es bedeutet, in ständiger Sorge um jene zu leben, die zurückblieben. Schwitters verliert darüber hinaus sein Publikum, sein gesamtes bildnerisches Werk, und wie viele anderen seine Sprache und seine kulturelle Identität.

Sie schreiben über Migration und Fluchtereignisse in der Vergangenheit. Wir haben jetzt seit 2015 erneut eine umgekehrte Situation, dass Menschen nicht vor den Faschisten aus Deutschland fliehen, sondern hierher kommen. Sie fliehen aktuell vor Krieg, Hunger, Armut. Was kann Literatur über die Menschen erzählen, um deren gesellschaftliche Umstände kennenzulernen?

Für mich sind das zwei sehr unterschiedliche Aspekte. Andreas Kossert, ein deutscher Historiker, hat in jüngster Zeit dazu zwei Bücher geschrieben. Er stellt darin fest, wie die nicht aufgearbeitete eigene deutsche Vertreibungsgeschichte bis heute weiterwirkt und uns immer wieder darin behindert, offen und human mit der Flüchtlingsfrage umzugehen. Ich nehme jetzt einfach mal meine eigene Herkunftsfamilie. Das war ja keine Flucht ins Ausland, sondern es war eine deutsch-deutsche Vertreibung aus den Ostgebieten des Nazireiches in die westlicher gelegenen Territorien. Und da kamen diese Menschen, also meine Oma, mein Vater, irgendwann dann auch mein Opa und noch der älteste Bruder meines Vaters, der dann aber auf der letzten Etappe der Flucht starb, in ein zerstörtes Land. Dort herrschten Hunger und Kälte. Sie wurden nicht sonderlich freundlich aufgenommen. Dieses Erleben, als Geflüchtete nicht willkommen zu sein, haben Millionen von Menschen gemacht, die deutscher Herkunft waren.

Rechnet man diese Zahl über die Generationen hinweg bis heute hoch, zeigt sich, dass jeder dritte, wenn nicht jeder zweite Deutsche eine Migrationsgeschichte in der eigenen Familie hat. Solange jedoch die damit verbundenen schmerzlichen Erinnerungen unter den Teppich gekehrt werden, fällt es schwer, neuen Flüchtenden dauerhaft empathisch gegenüberzutreten. Obwohl sie genau die gleichen Erfahrungen auf ihrer Flucht zu uns machen wir viele unserer Vorfahren vor einem Dreivierteljahrhundert. Die bei uns ankommenden Menschen haben alles verloren, machen sich große Sorgen um zurückgebliebene nahe Menschen, können ihren Beruf nicht mehr ausüben. Dazu stoßen sie auf sprachliche und religiöse Problematiken. Eigentlich würde man denken, dass wir, hätten wir uns die eigene Geschichte besser angesehen, damit besser umgehen könnten. Dann würden wir auch die Nöte und Traumatisierungen der Geflüchteten besser wahrnehmen und nachfühlen können. Es müsste eine ganz andere Empathie vorhanden sein. Der erste Schritt ist, daran zu arbeiten, alles noch einmal stärker in das kollektive Gedächtnis zu rufen: Wir sind doch migrationskundig. Wir selbst sind Ergebnis von Einwanderung. Wir haben familiäre Erfahrungen mit Zwangsmigration.

Darüber hinaus fragen Sie danach, was Literatur erzählen kann. Alles kann sie erzählen. Literatur ist für mich ein Medium der Bereicherung. Sie vermittelt Welt. Wir haben eine Sprache, in die hinein sehr viel übersetzt wird. Dies erschließt einen unglaublichen Reichtum an Menschenerfahrungen durch Jahrhunderte hindurch um den gesamten Globus herum. Literarische Welt steht zum Miterleben offen. Insbesondere auch dann, wenn man einer Pandemie wegen nicht in Persona reisen möchte oder kann. Ein Roman, eine Erzählung oder ein Gedicht geben aber noch etwas Besonderes hinzu: Mit ihnen reisen wir immer auch ein Stück weit aus uns heraus, in einen anderen Menschen hinein. So lernen wir eine tatsächlich fremde Welt kennen, die durch eine andere, nicht so vertraute Wahrnehmung gefiltert wurde. Dabei sehen wir auch, was durch unsere eigenen Raster hindurchfällt.

„Schwitters“: Ein tiefgründiger, dabei humorvoller Roman über die Kraft der Kunst in dunklen Zeiten.*

Wie fängt man eine Zukunft an, die eigentlich schon aufgehört hat? Mit einem Streifen Meer zwischen sich und seiner Heimat, seiner Sprache, sich selbst? Kurt Schwitters ist 49, als ihn die Nationalsozialisten zur Flucht aus Hannover zwingen. Sein Erfolg, Werk, Besitz, die Eltern und seine Frau Helma bleiben zurück. Die Kunst weicht der Kunst des Überlebens. In Norwegen, London und endlich dem Lake District beginnt Schwitters‘ zweites Leben in fremder Sprache. Wantee, die neue Frau an seiner Seite, hält ihn auf Kurs und seinen Kopf über Wasser, selbst als der Wortkünstler verstummt. Im Merzbau hat Schwitters einen anderen Weg gefunden, um Himmel und Heiterkeit, das Funkeln der Wiesen und die Durchsichtigkeit der Luft einzufangen. Mit irrwitziger Disziplin, bis zur Erschöpfung. Wer ihn dabei beobachtet, begreift: Kunst bildet die Welt nicht nach. Sie übersetzt sie in Formen, die uns berühren.

In ihrem Roman folgt Ulrike Draesner dem Schriftsteller und bildenden Künstler Kurt Schwitters ins Exil. Es sprechen Kurt, seine Frau, sein Sohn, seine Geliebte. In einer virtuosen Mischung aus Fakten und Fiktion entsteht das Panorama einer Zeit, in der angesichts einer brennenden Welt neu um Freiheit und Kultur gerungen wird. Ein tiefgründiger, dabei humorvoller Roman über die Kraft der Kunst, darüber, wie sie entsteht und was sie vermag.

* http://www.draesner.de/schwitters/