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Mehr als 20.000 Kinder versterben jährlich. Durch Krankheit, Unfall, Suizid oder vor, während oder kurz nach der Geburt. Im letzteren Fall nennt man sie liebevoll Sternenkinder. Über den rechtlichen Rahmen hinweg haben sich in den letzten Jahren Rituale entwickelt, die den verwaisten Eltern und trauernden Geschwistern die Möglichkeit geben, eine Erinnerung an den zu frühen Tod der Kinder wachzuhalten. Ein Projekt hat sich unter anderem in Leipzig etabliert: die Sternenkinderfotografie. Prof. Dr. Dr. Andreas Schüle von der Theologischen Fakultät unterstützt das Projekt als Fotograf.
(Achtung, dieser Beitrag enthält Textpassagen und Bilder, die starke Gefühle auslösen können.)

Über Sternenkinder zu reden, war bis vor geraumer Zeit eines der letzten Tabus unserer Gesellschaft. Eltern wollten sich – sei es aus Unsicherheit oder Scham – nicht „outen“. Manche Krankenhäuser behandelten Föten, die vor der Geburt verstarben, als „organischen Restmüll“. Weil sie nicht das Licht des Lebens erblicken, sondern tot aus dem Mutterleib kamen, waren Sternenkinder lange ein wenig beachtetes Thema. Das hat sich geändert. Eltern haben damit begonnen, ihre Geschichten zu erzählen – von der Freude über die Schwangerschaft, über die Diagnose des Todes oder schwerer Schäden beim Kind, bis hin zur Geburtseinleitung und schließlich der stillen Geburt. Krankenhäuser haben sich dieses Themas angenommen und begleiten die Eltern auf ihrem Weg durch das Trauma.

Sterneneltern können ihre Kinder nicht mit nach Hause nehmen. Sie müssen sich darum kümmern, was aus den kleinen Körpern werden soll. Manche Sternchen sind schon richtige kleine Babys, andere zeigen erst die Umrisse eines Menschenwesens. Aber sie alle hinterlassen ein Bild, einen Fußabdruck bei ihren Eltern, Geschwistern und Familien.

Ehrenamtliche Fotograf:innen schaffen Erinnerungen

In Deutschland gibt es das Netzwerk „Dein Sternenkind“, in dem ehrenamtlich arbeitende Fotograf:innen es sich zur Aufgabe gemacht haben, Erinnerungen an die Sternenkinder zu schaffen. Die Bilder entstehen meist in Kreißsälen und auf Intensivstationen, nicht selten auch mitten in der Nacht – hauptsächlich bei ganz frühen Wochen und kleinen Sternchen, deren Körper sich nicht lange halten können. „Man muss es daher in ganz kurzer Zeit schaffen, Erinnerungen zu schaffen, die man festhalten kann“, sagt Eva Kampmann. Sie ist Psychologin in der Abteilung Neonatologie am Universitätsklinikum Leipzig.

Dorthin werden die Sternenfotograf:innen gerufen, wenn Kinder vor, während oder kurz nach der Geburt versterben – oft mehrmals in der Woche. Aufgrund seines großen Einzugsgebiets und der Expertise im Bereich der Neonatologie ist das Klinikum ein Ort, an dem viele Sternchen geboren werden. Es gibt auf der Ebene des Kreißsaals sogar einen Raum – das „Schmetterlingszimmer“ – wo die Eltern, etwas abseits vom Trubel und dem Glück um die lebenden Babys – Abschied nehmen können und wo oft auch die ersten und letzten Bilder der Sternchen entstehen.

Bilder von ganz eigener Art

Die Sternenkinder sind auf ihre ganz eigene, stille, Weise ein Thema an der Universität. „Die betroffenen Eltern sind oft Angehörige der Uni, ebenso wie manche der Fotografinnen und Fotografen“, berichtet Prof. Dr. Dr. Andreas Schüle von der Theologischen Fakultät der Universität Leipzig über seine Erfahrungen, unter anderem auch selbst als Sternenkinderfotograf. „Und nicht zuletzt gehören dazu die Ärzt:innen, die Pflegekräfte und die Psycholog:innen des Frauen- und Kinderzentrums. Es sind universitäre Begegnungen der ganz eigenen Art, die hier stattfinden und die alle um ein Thema kreisen – den Tod des ungeborenen Lebens.“

Warum solche Bilder machen? Es gibt Menschen, die es für pietätlos halten, tot geborene Kinder zu fotografieren. Und ja, es sind Bilder von ganz eigener Art. „Manchmal sehen die Sternchen aus wie schlafende Babys“, beschreibt Schüle die Fotos. In den meisten Fällen ist aber kaum eine Illusion möglich. Es sind noch unfertige oder kranke Körper, die man da sieht. Insofern handelt es sich nicht im üblichen Sinne um rosige, hoffnungsvolle Kinderbilder. Vielmehr ist es die ganze Härte von Leben und Sterben, die sich hier schon an den allerkleinsten Menschen zeigt. Und genau das bilden auch die Fotos ab.

Die Bilder schaffen Erinnerungen – aber nicht nur Erinnerungen an ein traumatisches Erlebnis. Sie zeigen Kinder, die geliebt wurden, weil sie – wie kurz auch immer – im Schutz des Mutterbauchs gelebt haben. Sie zeigen Kinder, die oft schon sehr früh Familienähnlichkeiten ausprägen – Mamas Augen, Papas große Füße. Es sind Kinder, die dazugehört haben und die auf ihre Weise einen Fußabdruck hinterlassen. „Sehr viele Eltern stimmen dem Fotoprojekt zu“, weiß Frau Kampmann aus den vielen Gespräche in der Trauerbegleitung zu berichten. „Wir gehen auf die Familien zu und erläutern ihnen, wofür diese Bilder wichtig sein können. Es ist eine Erinnerung, die die Eltern ein Leben lang begleiten wird. Die Fotos können eine hilfreiche Unterstützung beim Umgang mit der Trauer um das Kind sein.“

Was am Ende entsteht, überzeugt selbst Unschlüssige.

Anfangs gibt es oft Zweifel, ob man denn das machen könne, Fotos von verstorbenen Kindern. Die Fotograf:innen, die unentgeltlich die Porträts der Sternenkinder – allein oder mit ihren Eltern – festhalten, nehmen den Eltern oft die Angst, ihr Kind zu berühren. Sie gehen einfühlsam auf die Familien ein. Was am Ende entsteht, überzeugt selbst Unschlüssige. „Die Eltern sind sehr dankbar für diesen festgehaltenen Moment“, erklärt Eva Kampmann. In den letzten Jahren haben sie und das Team der Geburtshilfe und der Neonatologie schon viele Eltern davon überzeugen können, Fotos von den verstorbenen Kindern machen zu lassen. „Oft ist das auch eine schöne Erinnerung, die man an die Geschwisterkinder weitergeben kann. Sie sind meist bei der Geburt nicht dabei, haben aber die Monate der Schwangerschaft der Mutter oft schon bewusst miterlebt und sich ebenfalls auf das Geschwisterkind gefreut.“ Ob die Fotos, die in einem verschlossenen Umschlag übergeben werden, gleich angeschaut werden oder später, entscheiden die Eltern. Wann die Eltern einen passenden Moment dafür finden, bleibt ihnen überlassen und hängt oft davon ab, wie weit sie in der Trauerbewältigung sind. „Für das Team an der Universitätsklinik ist es eine schöne und bereichernde Erfahrung, mit den Fotograf:innen und den Eltern zusammenzuarbeiten“, sagt die Psychologin.

Dieses Erleben lassen sich die Beteiligten im Projekt Sternenkinderfotografie auch nicht durch die juristische Tatsache nehmen, ungeborenes Leben – de facto oder de jure – auf den Status organischer Masse zu reduzieren. „Ab wann ein Mensch ein Mensch ist und Lebensrechte hat, ist eine biologische, sozialethische und gesellschaftspolitische Frage, die man in nüchterne Zahlen fassen kann“, erklärt der Theologe und Fotograf Schüle. „Nach der zwölften Schwangerschaftswoche besitzt ein Fötus ein Lebensrecht, das nur dann noch eingeschränkt werden darf, wenn das psychische oder physische Wohl der Mutter bedroht ist. Für Sternchen, die mindestens 500 Gramm wiegen, besteht eine Bestattungspflicht, unterhalb dieser Grenze gibt es immerhin ein Bestattungsrecht.“ Dass die Realität um einiges komplizierter ist, zeigen nicht zuletzt die Sternchenbilder. Egal, wie man misst und wiegt und zählt, es sind kleine Wesen auf dem Weg zum Leben, die oft sehnsüchtig erwartet wurden. Die Bilder geben den Sternenkindern eine Würde, die sonst infrage stünde.

Diese Würde der Kinder, die nicht die Möglichkeit hatten, sich zu einer Persönlichkeit zu entwickeln, halten die Eltern für immer in Form der Fotos hoch. Sie können sich jederzeit an ihre Kinder erinnern. Vielleicht nehmen sie die Bilder mit, wenn jedes Jahr am zweiten Sonntag im Dezember (in diesem Jahr der 12. Dezember 2021) weltweit der verstorbenen Kinder gedacht wird.

Prof. Dr. Dr. Andreas Schüle, Michael Lindner
 


Die folgende Bildergalerie zeigt Fotos von Sternenkindern, die Prof. Dr. Dr. Andreas Schüle als ehrenamtlicher Fotograf aufgenommen hat.

 

  • Kommentar von Ivonne Urban am 22.12.2021 um 20:47 Uhr:
    Leider ist einiges an dem Artikel falsch. Ich bin selbst Mutter von 2 Sternenkindern (Zwillinge) und habe mich mit dem Thema seit 3 Jahren genau befasst.
  • - 20.000 Sternenkinder sind viel zu wenig. Allein in Leipzig gab es im Jahr 2020 ca. 1.856 Sternenkinder in Leipzig. Ich habe die Zahlen auf Anfrage vom Bestattungsinstitut ANANKE erhalten, die die Sternenkindbestattungen für Sternenkinder kleiner 500 g in Leipzig machen (www.sternenkindstatistik.wordpress.com).
    - Alle Sternenkinder sind richtige Babys. Ab der 9. Schwangerschaftswoche sind alle Organe angelegt und danach wächst das Baby nur noch und die Organe reifen. Das heißt, Babys haben schon in den frühen Wochen 1 Kopf, 1 Körper, 2 Arme und 2 Beine und alles wird nur noch größer (siehe Ausstellung Körperwelten).
    - Zu Frühchen sagt man auch nicht unfertige Körper. Das verletzt mich zu hören, dass ich nur Körper geboren habe.
    - Die Fotos zeigen keine Härte von Leben und Sterben. Sie sind Fotos von dem größten Wunder der Natur.

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