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Die Gründerväter – Gründermütter gab es tatsächlich keine – der Universität Leipzig legten 1409 bereits den Grundstock für das, was heute unter der Bezeichnung Universitätsarchiv firmiert. „Sie haben damals zum Beispiel Musterstatuten aufgeschrieben, Matrikeln – also Verzeichnisse über die Angehörigen der Universität – sorgfältig geführt und festgehalten, welche Privilegien welchen Professoren gewährt wurden“, freut sich Dr. Jens Blecher, Direktor des Universitätsarchivs, noch heute über die Gründlichkeit der Universitätsgründer, die aus Prag nach Leipzig gewechselt waren. Mit ihrer Sammelwut legten sie in gewisser Weise das Fundament dafür, was heute als das Gedächtnis der Alma Mater Lipsiensis gelten darf.

Denn das macht einen guten Teil von Archivarbeit aus: Das Langzeitgedächtnis einer Institution, Behörde, Gesellschaft, ja eines Landes zu sein. Deshalb sammelt das Universitätsarchiv weiter wichtige Unterlagen, die späteren Generationen Auskunft geben können über bedeutende Vorgänge an der Hochschule, über wichtige Studierende und Wissenschaftler – was zum Teil erst Jahre später tatsächlich als bedeutend eingestuft werden kann. Deshalb müssen die Archivar:innen bei ihrer Arbeit sehr sensibel vorgehen. „Wir müssen wichtige von eher unwichtigen, richtige von falschen Informationen trennen“, erläutert Blecher.

So landet denn auch nur eine Auswahl an Dokumenten und Daten im Archiv. Von 100 Seiten mögen es zwei bis drei sein, die schließlich langfristig aufbewahrt werden. „Da ist es dann zum Teil auch einfach eine Vertrauensfrage, wem ich Material überlasse“, ist dem Archivdirektor klar. Dabei haben nicht viele das Privileg, sich selbst zu entscheiden, was sie dem Archiv überlassen wollen. Alle Institute, alle Organisationsstrukturen, alle Einrichtungen der Universität sind verpflichtet, ihre Unterlagen dem Gedächtnis der Hochschule zu übergeben beziehungsweise anzubieten. Wenn Privatleute – nicht selten Ehemalige der Universität – zum Beispiel Nachlässe anbieten, dann geschieht das freiwillig.

Wie die Digitalisierung das Universitätsarchiv vor Probleme stellt

Im Lauf der Zeit ist nun schon eine Menge an Material zusammengekommen. Rund 1,2 Millionen Stücke sind derzeit im Sammlungsbestand des Uni-Archivs. Auch um Platz zu sparen, wird vieles davon digitalisiert. Wobei 1,2 Millionen Stücke durchaus vervielfacht werden darf: Leicht werden daraus mehr als zehn Millionen sogenannter Metadatensätze. Denn zu jeder Archivsignatur, die für einzelne Objekte vergeben wird, können Tausende von Untersignaturen gehören. Blecher nennt dafür ein Beispiel: „Wenn etwa Band 10 von Meyers Konversationslexikon eine Archivsignatur hat, werden bei der Digitalisierung für jede einzelne Seite weitere Daten erfasst.“ So werden pro Jahr rund 100.000 Digitalsätze realisiert.

Die Digitalisierung stellt die sieben festangestellten Mitarbeiter:innen des Archivs gerne auch einmal vor Probleme. Zu unterschiedlich können nämlich die Formate und Datenträger sein, auf und mit denen mit der Digitalisierung begonnen wurde. Zwar waren die 5,25-Zoll- und die 3,5-Zoll-Diskette einmal weit verbreiteter Standard. Doch was nützt eine noch vorhandene Diskette, wenn die entsprechenden Laufwerke nicht mehr vorhanden sind?

Und doch sind es zum Teil eben solche Probleme, die zur Weitsicht der Archivare gehören. Sie wollen und müssen darüber nachdenken, was in 10, 20 oder auch 100 Jahren noch von Interesse sein mag. Noch dazu machen sie sich Gedanken darüber, wie sie neue Techniken in ihre Arbeit integrieren können. „Dabei ist der Austausch mit den verschiedenen Instituten, den wir als Uni-Archiv praktisch automatisch haben, von ungeheurem Vorteil“, ist sich Blecher sicher. Denn das Archiv kann technische Möglichkeiten ausprobieren und nutzen, bevor sie der Allgemeinheit zur Verfügung stehen.

Wie das Archiv-Team zukunftsfähige Lösungen erarbeitet

Als Beispiel nennt der Archivdirektor das gesammelte Werk des Leipziger Fotojournalisten Armin Kühne, welches der dem Archiv überließ. Zehntausende Bilder auf Fotonegativstreifen übergab Kühne dem Archiv. Allein die historische Bedeutung des Nachlasses kann nicht hoch genug eingeschätzt werden. Doch das Blecher-Team ist neben der reinen Archivierung der Aufnahmen gleich noch einen Schritt weiter gegangen: Zusammen mit ehrenamtlich Tätigen wurde herausgefunden, an welchem Ort genau die Aufnahmen gemacht wurden. Durch Einbindung der Daten in Open-Source-Formate wie Open Maps entwickelten die Beteiligten die Möglichkeit, auf einem Stadtplan den genauen Standort des Fotografen bei der Aufnahme zu bestimmen. Zudem ist es möglich, den Winkel des Bildausschnitts zu bestimmen, die Sichtachse des Fotografen zu ermitteln und alles in einen historischen Zusammenhang zu stellen. So wird im Archiv vorgedacht, was eventuell später einmal zu einer für jedermann nutzbaren Anwendung führen mag.