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Seine Faszination für die Literatur des Spätmittelalters und der Frühen Neuzeit entstand bei einem Praktikum in der Handschriftenabteilung der Hamburger Staatsbibliothek. Christian Schmidt saß wochenlang ratlos vor einer Gruppe von Handschriften mit Gebetstexten des späten 15. Jahrhunderts, bis der "Faszinationsmoment" für ihn kam. Was genau diesen ausgelöst hat und vieles mehr über sich und seine Arbeit am Institut für Germanistik verrät Schmidt im Interview. Seit dem 1. April forscht und lehrt er als Juniorprofessor zur deutschen Literatur des Spätmittelalters und der Frühen Neuzeit.

Was haben Sie studiert und wo?

Im Hamburger Institut für Germanistik gab es früher sehr günstigen Kaffee, der, wie im Märchen, mit in die Institutsbibliothek genommen werden durfte. Dort habe ich im eigentlichsten Sinne studiert. Germanistik im Hauptfach und Historische Musikwissenschaft im Nebenfach.

Was waren im Anschluss Ihre wichtigsten beziehungsweise Ihre letzten beruflichen Stationen?

Meine Dissertation zum Verhältnis von Drama und Meditation im 16. Jahrhundert habe ich am Hamburger Graduiertenkolleg „Interkonfessionalität in der Frühen Neuzeit“ abgeschlossen. Danach war ich an der Universität Göttingen Mitarbeiter in einem externen Teilprojekt des Freiburger Sonderforschungsbereichs „Muße“. Das letzte Jahr vor meiner Berufung nach Leipzig ging es wieder zurück nach Hamburg, wo ich in einem Projekt der Forschungsgruppe „Geistliche Intermedialität in der Frühen Neuzeit“ mitgearbeitet habe.

Wo liegen Ihre Forschungsinteressen und was fasziniert Sie daran?

Meine Forschungsschwerpunkte liegen in der Literatur des Spätmittelalters und der Frühen Neuzeit, wobei ich mich besonders geistlichen Texttraditionen widme, die in der Überlieferung eine maßgebliche Rolle spielen. Die Popkultur dieser Zeit war eine Frömmigkeitskultur. Und zur populären Literatur zählten zum Beispiel Legenden, also Erzählungen vom Leben, Sterben und Wunderwirken der Heiligen, aber auch Meditations- und Gebetstexte in einer heute nur schwer vorstellbaren Anzahl und Formenvielfalt.

Die Faszination für diese Gegenstände hat sich eingestellt, als ich im Studium ein Praktikum in der Handschriftenabteilung der Hamburger Staatsbibliothek absolvierte. Ich saß wochenlang ratlos vor einer Gruppe von Handschriften mit Gebetstexten des späten 15. Jahrhunderts, alles zunächst sehr sperrig, bis mir auffiel, dass einige dieser Texte wie kleine Dramen aussehen, wie geistliche Spiele, die sich nur nicht auf einer äußeren Bühne, sondern in der Imagination der Betenden und Meditierenden abspielen sollten. Das war ein Faszinationsmoment, etwas, was mich in die Erforschung dieser Textwelten gewissermaßen hineingezogen hat.

Haben Sie sich für Ihre Tätigkeit an der Universität Leipzig ein bestimmtes Forschungsziel gesetzt? Welches?

Zurzeit schließe ich die Arbeit an einem Buch ab, das sich mit dem Verhältnis von Tätigkeit und Kontemplation in der Literatur des 13. bis 15. Jahrhunderts befasst und denke über verschiedene Vorhaben nach. Ein größeres davon dreht sich um vormodernes Metadrama, also um Theater, das sich auf Theater bezieht, bevor es Theater (im heutigen Sinne) gab.

Würden Sie bitte kurz einige Schwerpunkte nennen, die Sie in der Lehre setzen wollen?

Im Fachlichen geht es mir um ein ausgewogenes Verhältnis von literarischem Kanon und Nähe zur eigenen Forschung. Im kommenden Semester biete ich zum Beispiel ein Seminar zum Metadrama in der Frühen Neuzeit an, das mit dem eben erwähnten Vorhaben zusammenhängt. Darauf freue ich mich bereits sehr! Was in der Lehre künftig insgesamt wichtiger werden sollte, ist grundlegend über die Voraussetzungen geisteswissenschaftlichen Denkens zu sprechen.

Bitte beenden Sie folgenden Satz: „Die Universität Leipzig ist für mich…“

...die Einrichtung, zu der ich jetzt sage: „Ja, ich will, ich bin dabei“ – ein Satz, den der Schriftsteller Rainald Goetz in seiner Büchnerpreisrede als einen „extrem untrivialen Akt“ bezeichnet hat.

Welche Entdeckung, Erfindung oder Erkenntnis wünschen Sie sich in den nächsten zehn Jahren?

Die Frage nach der Erkenntnis führt, wenn ich sie als Geisteswissenschaftler zu beantworten versuche, in einen Widerspruch: Denn könnte ich eine erwünschte Erkenntnis genau benennen, dann wäre sie bereits da. Das eigentümliche ist, dass sich Erkenntnis unvorhergesehen ereignet: Man tritt mit einer bestimmten Frage an einen Gegenstand heran und stößt dabei auf einen Zusammenhang, mit dem nicht zu rechnen war. Geisteswissenschaftliche Erkenntnis in diesem starken Sinne ist daher weder vorwegnehmbar noch "replizierbar", während letzteres in den Naturwissenschaften ja eine Bedingung dafür ist, dass etwas als Erkenntnis akzeptiert wird. Wie der Philosoph Jochen Gimmel einmal so schön gesagt hat: Replikation in den Geisteswissenschaften nennen wir "Plagiat".

Davon getrennt würde ich die Frage nach Entdeckungen und Erfindungen eher auf den Bereich des technischen Fortschritts beziehen. Und dann wäre mein Wunsch wohl, dass das, was in den nächsten zehn Jahren auf uns zukommt, so reguliert werden sollte, dass es sich nicht im großen Maßstab zerstörerisch auswirkt.

Welche Hobbys haben Sie?

Etwas in mir sperrt sich dagegen, das Lesen als Hobby zu bezeichnen. Aber ich laufe zum Beispiel gelegentlich ein paar Runden durch den Park. Das hilft beim Nachdenken, zum Beispiel darüber, ob ich nicht doch bald wieder mit dem Schwimmen anfangen sollte.

Haben Sie ein bestimmtes Lebensmotto, das Ihnen auch über schwierige Phasen hilft?

Nein, aber es gibt natürlich Sätze, die sich mir eingeprägt haben, die mich etwas angehen, die sich in bestimmten Situationen immer wieder melden. Beim Formulieren von Texten zum Beispiel Adornos Maxime: „Das Dickicht ist kein heiliger Hain“. Oder beim Hinaustreten in die Leipziger Frühlingsluft Peter Kurzecks Satz: „Wir hätten die Erde nicht aufgeben sollen.“

Verraten Sie uns bitte noch, wann und wo Sie geboren sind?

Ich bin 1986 in Hamburg geboren.

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