Nachricht vom

Wer kennt diese Situation nicht? Da diskutiert man mit seinem Gegenüber mal wieder über ein leidiges Thema. Kaum ist ein Stichwort gefallen, gehen die Alarmglocken an. Wut macht sich breit, und der Kopf ist irgendwie blockiert. Viele Menschen reagieren in solchen Momenten oft zu impulsiv und unkontrolliert, ärgern sich vielleicht später über die eigene Reaktion. Die Haltung der Achtsamkeit kann helfen, sich nicht in diesem Teufelskreis zu verfangen. Diese zu entwickeln, lehrt Susanne Krämer. Sie leitet das im Sommer dieses Jahres neu entstandene Projekt „Achtsamkeit in der Bildung und Hoch-/Schulkultur“ (ABiK), das am Zentrum für Lehrer:innenbildung und Schulforschung der Universität Leipzig angesiedelt ist.

Ziel des Projektes ABiK ist es, Studierenden, Lehrenden, Lehrkräften und letztlich auch Schüler:innen Achtsamkeitspraxis zu vermitteln, sie in Dialogen zu üben und zu verinnerlichen, um sie im Alltag anwenden zu können. Wer es schafft, in Diskussionen mit Menschen die Ruhe zu bewahren, die ein komplett anderes Weltbild haben als man selbst, der leistet einen wichtigen Beitrag zur Selbstfürsorge und gleichzeitig für den sozialen Umgang in der Gesellschaft. Alltägliche Ärgernisse in Job und im Privatleben relativieren sich dadurch, was zur Vorbeugung von Burnout beiträgt und Stress reduziert.

Achtsamkeits- und Kommunikationstrainerin Susanne Krämer erklärt, wie das funktionieren kann: „Um das große Ganze zu verändern, brauchen wir die Energie dazu. Dazu gehört, den Moment so zu nehmen, wie er ist, weder zu verdrängen, noch in automatische Reaktivität zu verfallen, sondern eine gelassenere Haltung einzunehmen. Oft ist es so, dass Einflüsse von außen wie bestimmte Meinungen oder Widerstände in uns eine emotionale Reaktion hervorrufen. Das merkt man jetzt zum Beispiel in der Corona-Krise und der dadurch sehr gespaltenen Gesellschaft deutlich.“ Ist man beispielsweise in eine Diskussion mit einem Impfgegner oder einer Impfgegnerin verwickelt und man selbst ist glühende:r Befürworter:in des Impfens, hilft es, einen Moment innezuhalten und die Situation wie von außen als neutrale dritte Person zu betrachten. Warum möchte sich mein:e Gesprächspartner:in nicht impfen lassen? Hat er oder sie vielleicht unter bleibenden Beeinträchtigungen durch frühere Impfungen zu leiden und ist deshalb skeptisch oder lehnt die Person die Immunisierung kategorisch ab? Schon dieser kleine Moment des Innehaltens könnte helfen, nicht wieder in alte Verhaltensmuster zurückzukehren, sondern gelassener oder vielleicht auch mal gar nicht auf die Aussagen anderer zu reagieren, die eigenen Emotionen zu regulieren und in einer Weise zu antworten, die für mein Gegenüber zu verstehen ist, damit Umdenken stattfindet.

Selbstreflexion und Selbstbeobachtung sind wichtige Kompetenzen, die in den ABiK-Kursen vermittelt werden. „So kann man die eigenen Verhaltensmuster bewusst wahrnehmen und aktiv verändern“, erläutert Krämer. Meditation und dialogische Übungen helfen dabei. Die Kurse für die Lehramtsstudierenden sind immer sehr schnell ausgebucht. Das Achtsamkeitstraining ist ein Angebot im Wahlpflichtbereich des Lehramtsstudiums und bislang kein fester Bestandteil der Ausbildung. Demnächst, so Krämer, sollen die Kurse auch für Studierende anderer Fachbereiche geöffnet werden. Anfragen gebe es genug – auch von Lehrer:innen, für die ABiK Fortbildungskurse anbieten möchte. „Gerade Lehrkräfte sind sehr offen für die Achtsamkeitsproblematik, da viele von ihnen unter psychischen Erkrankungen leiden. Es ist wichtig, das Thema Achtsamkeit in die Schulen zu bringen, bevor noch mehr Lehrerinnen und Lehrer krank werden“, betont die Projektleiterin. Das komme letztlich auch den nicht minder unter Druck stehenden Schüler:innen zugute. Auch für Dozierende und Hochschullehrende bietet ABiK Achtsamkeitskurse an. Ab April 2022 beginnen zwei Kurse, zum intensiven Einstieg im März ein viertägiger Workshop in Sankt Afra. Sie können nach der Ausbildung, die darauf aufbauend im Wintersemester 2022/23 folgt, ein Zertifikat bekommen, damit sie achtsamkeitsbasierte Elemente in ihre Lehre einbauen können.

Susanne Krämer befasst sich seit 20 Jahren intensiv mit dem Thema Achtsamkeit. „Das betrifft uns alle“, weiß sie. Denn wer seine Energie nicht in nervenden Diskussionen oder dem Kreisen um innere Problematiken vergeudet, kann sie später für viel angenehme Dinge verwenden, die der Seele guttun oder sie für die gesellschaftlichen Veränderungen einsetzen, die unsere Zeit dringend braucht.

Ihr Kommentar

Hinterlassen Sie gern einen Kommentar. Bitte beachten Sie dafür unsere Netiquette.