Nachricht vom

Die Schwalbennestorgel im Paulinum – Aula und Universitätskirche St. Pauli wird ab Oktober wie seit Langem geplant erweitert. Einen kleinen Vorgeschmack gab es bereits am vergangenen Freitag (21. Mai): Im Paulinum erklangen erstmals Glocken, die Teil der Schwalbennestorgel werden sollen.

Dr. Veit Heller streift sich weiße Handschuhe über und hebt vorsichtig eine silbern glänzende Glocke an. Rund 400 Gramm wiegt das bronzene Exemplar und ist ungefähr 10 Zentimeter hoch. Er befestigt sie an den Rändern einer Holzscheibe auf einer Nabe, die auf den ersten Blick an ein kleines Spinnrad erinnert. Auf dem Tisch stehen zahlreiche weitere Glocken in unterschiedlichen Größen, die kleinste gerade mal so groß wie ein Salzstreuer. Eine Glocke nach der anderen wird an der Holzkonstruktion befestigt. Als Veit Heller das Rad am Ende in Rotation versetzt, erfüllt ein metallischer Klang den Raum.

Das Glockenrad war der Vorläufer des Zimbelsterns

Die acht Glocken werden künftig eines der drei Glockenräder der Schwalbennestorgel im Paulinum bilden. „Das Glockenrad war der Vorläufer des in die Orgel integrierten Zimbelsterns. Es war seit dem 10. Jahrhundert ein verbreitetes Instrument der Kirchenmusik und mit der Idee der musica mundana verbunden“, erklärt Heller, der als Musikwissenschaftler seit rund 30 Jahren zur Geschichte und Verwendung von Glockenspielen und Glockenrädern forscht. Ein Glockenrad versetzt der Organist oder die Organistin durch das Betätigen eines speziellen Registerzuges in Drehung und bringt so die metallenen Klangkörper zum Klingen.

Angefertigt wurden die Glocken der Schwalbennestorgel von Michael Metzler in Berlin – dass er den gleichen Nachnamen trägt wie das Schweizer Unternehmen, das die Orgel baut, ist reiner Zufall. Welche von Metzlers Glocken sich besonders harmonisch in das Klangbild der Orgel einfügen, prüft Heller an diesem Freitag gemeinsam mit Universitätsmusikdirektor Prof. David Timm und Universitätsorganist Daniel Beilschmidt.

Zwölf neue Register vervollständigen bald das Instrument

Die Auswahl der Glocken für die Glockenräder ist einer von vielen Schritten hin zur Vervollständigung der Schwalbennestorgel. Die aktuell sechs Register werden im Herbst um zwölf weitere ergänzt. Während die bereits bestehenden Register im sogenannten Blockwerk vor allen Dingen das Klangbild mittelalterlicher Orgeln nachempfinden, werden die neuen Register die Klangwelt der Renaissance ins Paulinum bringen.

Die Glockenräder gehören zu den sogenannten Effektregistern der Schwalbennestorgel. Universitätsorganist Daniel Beilschmidt kann mit ihnen klangliche Finessen erzeugen und zum Beispiel auch Vogelgesang nachahmen. „Als Organist fühle ich mich wie ein Kind, das in die Spielkiste greift, wenn ich mit den Effektregistern der Orgel arbeite,“ erzählt Beilschmidt. „Die Schwalbennestorgel hat ohnehin schon einen so farbigen Klang, die Glocken sind sozusagen die Krönung.“ David Timm ergänzt: „Das ist wirklich eine einmalige Orgel. Ein vergleichbares Instrument findet man nicht in Leipzig und auch nicht in ganz Mitteldeutschland.“

Einweihung im November

Die feierliche Einweihung der vervollständigten Schwalbennestorgel soll im Rahmen der 12. Universitätsmusiktage noch in diesem Jahr stattfinden. Vom 21. bis 28. November 2021 ist eine Reihe von Konzerten geplant, die alle Ensembles der Universitätsmusik mit der Orgel zusammenbringen wird.

Nina Vogt

 

Kommentare

  • Kommentar von Wolfgang Vooes, 28.09.2021, 19:38 Uhr
    Es ist sehr schön, daß die Pauliner-(Universitäts-)-kirche neu erstanden ist. War ihr 1968 gesprengter Vorgängerbau eine der bedeutendsten historischen Kirchen in Leipzig mit reicher Religionsgeschichte (Pauliner/M.Luther etc.) und Musikgeschichte (u.a. Bach, Mendelssohn, Reger). Auch ihre große Orgel war ein bedeutendes Instrument. Sie ist leider 1968 (30.05.1968) mit untergegangen. Soweit ich weiß, war sie vor dem Umbau 1948 die größte Orgel Leipzigs. Auch freut mich, daß die Sauer-Orgel der Thomaskirche erhalten geblieben ist und nicht barockisierenden Tendenzen zum Opfer gefallen ist. Jedes Instrument ist ein Kind seiner Zeit. Als nebenamtlicher Organist habe ich seit über 40 Jahren eine Sauer-Orgel zur Verfügung (1898, 30 Reg., 2 Man./Ped.), in den letzten 30 Jahren restauriert in den Originalzustand. Gastorganisten sind begeistert, ich selbst auch. - Die kleine Orgel der Universtätskirche wurde vor der Sprengung von einigen mutigen Menschen noch gerettet. - Herzliche Grüße W. Vooes

Ihr Kommentar

Hinterlassen Sie gern einen Kommentar. Bitte beachten Sie dafür unsere Netiquette.