Nachricht vom

Die Informatik ist im Zeitalter der Digitalisierung aus vielen Wissenschaftsdisziplinen nicht mehr wegzudenken. Die Medizinische Fakultät der Universität Leipzig hat deshalb im Rahmen der Medizininformatik-Initiative des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) die Professur Medical Data Science etabliert. Sie schafft die Voraussetzung dafür, dass Versorgungsdaten für die medizinische Forschung erschlossen werden und die Erkenntnisse direkt die Patienten erreichen. Am 1. August wurde Prof. Dr. Toralf Kirsten für die neue Professur ernannt. Er leitet am Universitätsklinikum die gleichnamige Abteilung Medical Data.

Was haben Sie studiert – und wo?

Ich habe in Leipzig Wirtschaftsinformatik studiert. Dabei wurde mein Interesse an Daten und Datenstrukturen, verschiedenen Aspekten der Datenintegration und -auswertung geweckt.

Was waren im Anschluss Ihre wichtigsten beziehungsweise Ihre letzten beruflichen Stationen?

Nach dem Studium und einem dreijährigen Abstecher in die Industrie habe ich mich am Interdisziplinären Zentrum für Bioinformatik der Universität Leipzig mit verschiedenen Aspekten der Datenintegration in den Lebenswissenschaften beschäftigt; zeitgleich konnte ich erste Erfahrungen in der Datenanalyse sammeln. 2009 wechselte ich an das Leipziger Forschungszentrum für Zivilisationserkrankungen LIFE. Als Leiter der IT-Gruppe konnte ich den Aufbau einer neuartigen Forschungsdateninfrastruktur maßgeblich begleiten. Sie ermöglicht es, Daten entsprechend der FAIR-Prinzipien mit Partnern zu teilen und auszuwerten.

Die Arbeiten setzten sich im SMITH Konsortium fort, das im Rahmen der Medizininformatik-Initiative des Bundesministeriums für Bildung und Forschung die Aufbereitung, Harmonisierung und Integration von Krankenhausdaten für die medizinische Forschung zum Ziel hat. Die Universität Leipzig leitet das Konsortium. Ab 2018 übernahm ich den Lehrstuhl für Datenbanksysteme (Informatik) an der Hochschule Mittweida. Neuerdings gilt mein Fokus wieder verstärkt der Datenauswertung, unter anderem mit Methoden und Verfahren der Künstlichen Intelligenz, zum Beispiel in enger Zusammenarbeit mit dem Medizinischen Zentrum für Erwachsene mit Behinderung am Universitätsklinikum Leipzig: Hier untersuchen wir insbesondere Patientinnen und Patienten mit unterschiedlichen Formen der seltenen Erkrankung Leukodystrophie.

Was fasziniert Sie an Ihrem Forschungsgebiet und was sind Ihre Schwerpunkte?

Mich fasziniert vor allem die Interdisziplinarität. Wir versuchen Konzepte, Methoden und Verfahren der Informatik auf Problemstellungen der Medizin anzuwenden und so den Nutzen für Patientinnen und Patienten zu steigern. Dies vollzieht sich entlang des gesamten Lebenszyklus' von Daten, der weit vor der Entstehung beginnt und Einfluss auf ihre Speicherung und spätere Verwendung beziehungsweise Auswertung hat. Oftmals wird von einem „Datenschatz“ gesprochen. Ein Schatz ist es allerdings nur, wenn die Daten einer gewissen Qualität genügen. Daten müssen beispielsweise interoperabel, in derselben Sprache, verfasst sein, um eine möglichst nahtlose Zusammenarbeit zwischen unterschiedlichen Beteiligten zu gewährleisten. Konkrete Anwendungen ergeben sich mit der übergreifenden Nutzung von Daten aus verschiedenen Universitätskliniken, insbesondere für Patientinnen und Patienten mit Erkrankungen, die nicht so häufig auftreten. Hierzu etablieren wir aktuell Infrastrukturen, die eine Analyse der verteilt vorliegenden Daten an verschiedenen Universitätskliniken befördert, unter Beachtung der aktuellen Datenschutzrichtlinien und gesetzlichen Regelungen und Vorschriften. Das Ziel ist es, die auf einer breiteren Datenbasis gewonnenen Erkenntnisse in enger Zusammenarbeit mit den medizinischen Kolleginnen und Kollegen in neue Behandlungskonzepte umzusetzen.

Haben Sie sich für Ihre Tätigkeit an der Universität Leipzig ein bestimmtes Forschungsziel gesetzt? Welches?

Die Kooperationen inner- und außerhalb der Universität, zum Beispiel mit den verschiedenen Institutionen der Medizinischen Fakultät, mit dem Kompetenzzentrum für Big Data ScaDS Leipzig/Dresden, aber auch zu den unterschiedlichen Institutionen im Forschungsraum Leipzig ermöglichen es, gezielt Kompetenzen zu vereinen und gemeinsam an Aufgaben und neuen Entwicklungen zu arbeiten. Die Interdisziplinarität wirkt dabei gegenseitig befruchtend. Man lernt Methoden anderer Wissenschaften kennen und kann diese auf neue Problemstellungen anwenden oder in eigene Lösungen einbringen. Meinen Schwerpunkt sehe ich einerseits beim Aufbau von Data-Sharing-Infrastrukturen und andererseits in der Durchführung von gezielten Projekten mit dem Ziel der Auswertung von Versorgungs- und Prozessdaten, die am Universitätsklinikum Leipzig erhoben und im Rahmen der Medizininformatik-Initiative im Datenintegrationszentrum aufbereitet und bereitgestellt werden. Dazu sollen vermehrt Methoden und Verfahren der Künstlichen Intelligenz zum Einsatz kommen.

Würden Sie bitte kurz einige Schwerpunkte nennen, die Sie in der Lehre setzen wollen?

Mein Ziel ist es, noch mehr Studierende vom interdisziplinären Ansatz der Medizininformatik zu begeistern und über hochwertige Abschlussarbeiten ihre wissenschaftliche Ausbildung zu festigen. Dies gilt sowohl für Absolventinnen und Absolventen der Medizin, die Kenntnisse der Informatik und Datenauswertung erlangen wollen, als auch für Informatikerinnen und Informatiker mit Interesse an der Medizin.

Bitte beenden Sie folgenden Satz: „Die Universität Leipzig ist für mich…“

… ein Ort der interkulturellen Begegnung und des exzellenten wissenschaftlichen Austausches, der historisch starke Wurzeln hat.

Welche Entdeckung, Erfindung oder Erkenntnis wünschen Sie sich in den nächsten zehn Jahren?

Ich wünsche mir, dass wir die im Klinikum anfallenden Versorgungsdaten so aufbereiten und mit Informatik-Infrastrukturen bereitstellen, dass wir sie begleitend und in den folgenden Jahren gemeinsam verstärkt zum medizinischen Erkenntnisgewinn nutzen können. Die Ergebnisse sollen den Patientinnen und Patienten zugute kommen.

Welche Hobbys haben Sie?

Bewegung ist Trumpf. Ich spiele seit meiner Jugend Volleyball, früher mit dem Ziel Leistungssport, reicht es heute noch zum Breitensport. Auch die Berge haben es mir angetan. Auf dem Gipfel rastend mit dem Gefühl, den Berg von ganz unten (ohne Seilbahn) bis zum Gipfel erklommen und dabei sich selbst und alle Hindernisse überwunden zu haben, ist ganz besonders und einzigartig. Dafür finde ich in den Urlauben Zeit, zunehmend auch mit meinem Sohn.

Haben Sie ein bestimmtes Lebensmotto, das Ihnen auch über schwierige Phasen hilft?

Keines der allgemein bekannten Mottos. Ich versuche, systematisch Möglichkeiten zu eruieren und dann planvoll vorzugehen. Das hilft zumindest, auch wenn sich nicht immer das anvisierte Ergebnis einstellt.

Verraten Sie uns bitte noch wann und wo Sie geboren sind?

1972 in Altdöbern, mitten im wunderschönen Spreewald.

Ihr Kommentar

Hinterlassen Sie gern einen Kommentar. Bitte beachten Sie dafür unsere Netiquette.