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Er ist seit 2006 Direktor der Universitätsbibliothek Leipzig (UBL). Nun, nach 16 Jahren, geht Prof. Dr. Ulrich Johannes Schneider in den (Un-)Ruhestand. Er hat die UBL mit seiner Persönlichkeit stark geprägt – und mit seiner fachlichen Expertise. Zum Abschied wollten Sophia Manns-Süßbrich und Katrin Sturm von der UBL an den scheidenden Direktor sieben Fragen stellen, zehn Fagen sind es geworden: "Die Antworten kamen schnell, charmant und eloquent: wie immer. Er wird uns fehlen, wir wünschen ihm alles Gute!"

Dieser Beitrag erschien zuerst auf der Webseite der Universitätsbibliothek Leipzig.

Sie haben sich als Philosoph besonders intensiv mit Michel Foucault beschäftigt, sein Name taucht regelmäßig in den Lehrveranstaltungsverzeichnissen unter dem Ihrigen auf. Wenn Michel Foucault für einen Tag nach Leipzig käme, den Sie mit ihm verbringen könnten, wie würde dieser aussehen? 

Michel Foucault war für mich als Philosophiehistoriker besonders, ich habe 1980/81 in Paris seine Vorlesungen gehört und entscheidende Anregungen mitgenommen. Es gibt von mir über 40 Aufsätze und zwei Bücher zu diesem Denker, die meistens darum kreisen, wie kulturelle Tätigkeiten ganz praktisch zu begreifen sind. Foucault hat über Diskurse philosophiert und darüber, dass man sie nicht nur auf die Meinung der Autorin oder des Autors festlegen kann, dass in jedem Text zahlreiche Kommunikationen ablaufen und Machtbeziehungen präsent sind. 

Wenn ich ihn durch die Magazine der Bibliotheca Albertina führen könnte, würden wir uns sicher schnell einig sein, dass die meisten Bücher im Streit miteinander liegen, dass die Ruhe der nebeneinander stehenden Werke über die Strittigkeit ihrer Inhalte täuscht. Die Geistes- und Kulturgeschichte, das kann man mit Foucault lernen, ist ein Raum voller Debatten und Auseinandersetzungen. 

Sie haben viele Ausstellungen ins Leben gerufen, kuratiert, gestaltet, begleitet. Und Sie sind viel gereist. Welche der Ausstellungen, die Sie gesehen haben, war Ihre Lieblingsausstellung oder welche ist Ihnen besonders in Erinnerung geblieben? Und welches Thema würden Sie gern noch in oder mit einer Ausstellung umsetzen, wenn Sie die Möglichkeit hätten? 

Als wir den neuen Ausstellungsraum 2009 im Erdgeschoss und damit barrierefrei eingerichtet haben, war für mich ein gewisses Vorbild die Ritblat-Galerie der British Library in London. Dort habe ich zum ersten Mal gesehen, wie wichtig Wandvitrinen sind, weil man dort den aufgeschlagenen Büchern gegenübertreten kann. So ist auch unser Raum eingerichtet: Wie im Museum kann man von Angesicht zu Angesicht in den Dialog mit den Exponaten treten, muss sich nicht über sie beugen, wie das beispielsweise Tischvitrinen verlangen würden, die wir gar nicht haben. Buchausstellungen sind ein schwieriges Geschäft, das wir ganz gut bewältigt haben. 

Mit über 50 Ausstellungen in meiner Amtszeit, großen und kleinen, haben wir nicht nur Kuratorinnen und Kuratoren gewonnen, die die wechselnden Inhalte aufbereiten, sondern auch Gestalterinnen und Gestalter, die das Ganze in eine Ansprache an das Publikum von heute übersetzen. Die hohe Anzahl an Ausstellungen in der Bibliotheca Albertina zeigt, wenn Sie so wollen, eine große Experimentierlust mit den überaus reichen und höchst interessanten Beständen des Hauses. 

Die Kommunikation des Kulturarchivs, das die Bibliothek darstellt, in die Gesellschaft hinein, auch über die Grenzen der Universität hinaus, war mir immer wichtig, aber nicht nur mir persönlich. Nach meinem Eindruck sind die Kolleginnen und Kollegen der Öffentlichkeitsarbeit und der Restaurierung, ebenso wie die der Sondersammlungen und des Handschriftenzentrums als unentbehrliche Stützen der Ausstellungsarbeit zugleich ihre besten Bewerber: Alles geschieht hier mit Lust und Freude.

Ihre UBL-interne Fortbildungsveranstaltung "Mitarbeiter:innen für Mitarbeiter:innen am Mittwochmorgen" über das Internet Archive war legendär, ihre Begeisterung spürbar. Können Sie diese Begeisterung für unsere Leser:innen in zwei, drei Sätzen zusammenfassen?

Das Internet Archive ist für mich die erste Adresse, wenn ich Werke des 19. Jahrhunderts konsultiere, wie ich das derzeit für meine Bibliotheksgeschichte häufig tue. Egal in welcher Sprache, dort findet man eine Fülle von digitalisierten Werken, die einen globalen Blick erlauben, was ein wesentlicher Fortschritt über die Bestände jeder anderen Bibliothek hinaus ist. Zwar haben wir in der Universitätsbibliothek Leipzig beispielsweise das Library Journal (erschienen ab 1876) für die ersten sieben Jahrzehnte vollständig im Bestand; aber wenn man sich die digitalisierten Bände herunterlädt, erlaubt die Suchfunktion, tolle Entdeckungen zu machen. 

Das Internet Archive ist eine stiftungsgestützte Einrichtung, nicht in öffentlich-rechtlicher Trägerschaft, wie vieles in den USA sich aus einer alten Begeisterung für den Auftrag der Public Library verdankt. Neben der Nützlichkeit des Internet Archive bewundere ich den Geist dieser Einrichtung und ihres Gründers und Betreibers Brewster Kahle, der das Wissen sammeln und frei zugänglich machen will, soweit es nur irgendwie geht. Das Internet Archive ist übrigens nicht nur eine Bibliothek, sondern auch eine Mediathek und ein Softwarespeicher, erschließt das Internet über die Wayback Machine und ist eine meiner Lieblingsorte, wenn ich den Bildschirm öffne. 

Was machen die Bibliotheken der anderen Länder oder Städte besser? Wo könnte Leipzig für andere ein Vorbild sein? 

Habe ich gesagt, dass andere Bibliotheken besser sind als die UB Leipzig? Das bezweifle ich, denn wir sind schon ziemlich gut. Für eine wissenschaftliche Bibliothek sind wir sogar sehr gut, was die Kooperation mit der Wissenschaft einerseits und mit dem Publikum der Stadt und der interessierten Öffentlichkeit andererseits angeht. Wir bedienen wie nur wenige andere Bibliotheken in Deutschland die sozialen Medien, kommunizieren darüber wie auch auf alten Wegen. 

Die Mischung macht es, und da hilft es natürlich, sich anderswo umzusehen, ohne jeder Mode hinterherzulaufen. „Gamification“ war so ein Stichwort, das inzwischen nicht mehr aktuell ist. Die Bibliothek als „Dritter Ort“ ist ein schönes Versprechen, es muss aber immer wieder neu überlegt werden, wie man das einlösen soll. Klarerweise ist die Bibliothek nicht nur Arbeitswelt und nicht nur Privatwelt, sondern etwas dazwischen oder jenseits davon. Ob und wie man Nutzerinnen und Nutzer über das universitäre Publikum hinaus ins Haus bekommt, hängt aber von Formaten ab, die man einfach ausprobieren muss. 

Als ich vor 16 Jahren hier ankam, habe ich eine große Aufgeschlossenheit für das Experimentieren und das Austesten angetroffen, was mich wirklich begeistert hat. Ich habe das selber nur ergänzen können, indem ich Erfahrungen aus dem Ausland oder meine Neugier für das, was andere machen, dazugetan habe. Bleiben wir offen und neugierig!

In den vergangenen drei bis vier Jahren hat das von Ihnen initiierte Projekt MIKROBIB („Mikroben als Sonden der Buchbiographie: Kulturwissenschaftliche Objektstudien zu spätmittelalterlichen Sammelbänden im Bestand der Universitätsbibliothek Leipzig“) auch in der Öffentlichkeit immer wieder Interesse und Aufsehen erregt. Was haben Sie aus diesem Projekt gelernt oder auch für sich mitgenommen? 

Das Projekt MIKROBIB, das sich mit den Beziehungen zwischen Buchkultur und Mikrobenkultur beschäftigt, geht auf ein gemeinsames Kaffeetrinken mit der Braunschweiger Professorin Nicole Karafyllis zurück. Wir waren beide aus dem Saal gestürmt, als dort jemand forderte, man solle alle Mikroben als Schädlinge aus der Buchwelt verdammen. Das hat bei uns beiden zu spontanen Gegenreaktionen geführt und dann zum Projekt, das ganz der schwierigen Frage nachgeht, was die in jeder Bibliothek mitgesammelten Mikroben uns über die Geschichte und die Wanderschaften der Bücher erzählen können. Denn wenn wir Bücher sammeln, sammeln wir auch Mikroben: Sind die im Mittelalter andere als heute? 

Das Projekt und seine Ergebnisse wurde umfangreich dargestellt im gerade erschienen Leipziger Jahrbuch für Buchgeschichte, auch gut illustriert, dort kann man Einblick nehmen und die Komplexität der Fragestellungen bewundern. 

Wir können es nur so abbreviatorisch und direkt fragen: Warum der Papyrus Ebers?

Der Papyrus Ebers ist die einzige jemals vollständig überlieferte medizinische Handschrift der Antike und seit 1873 im Haus, seit 1875 durch ein gedrucktes Faksimile verdoppelt. Wir haben diese Verdoppelung im 21. Jahrhundert mit einer besonders schönen Website fortgesetzt (www.papyrusebers.de) und jetzt auch die Replik ausgestellt, die das ganze Schreib-Wunder-Werk aus der Zeit von vor 3.500 Jahren sinnlich erfahrbar macht. 

Buchobjekte brauchen oft die Hilfe einer bestimmte Darstellung, um noch interessanter zu erscheinen, insbesondere für solche, die zwar neugierig, aber nicht umfassend kulturhistorisch gebildet sind – und wer ist das schon? Ich jedenfalls nicht. So ist die Ausstellung der Replik des Papyrus Ebers einhergegangen mit intensiven Kontakten zu den Kustoden des Ägyptischen Museums hier in Leipzig und zur Sächsischen Akademie der Wissenschaften zu Leipzig und deren Projekt eines Altägyptischen Wörterbuchs. Kurz, der Papyrus Ebers ist nicht nur ein Schatz, den die Universitätsbibliothek Leipzig beherbergt und umsorgt, er ist auch ein Vehikel der Wissenschaftskommunikation und verhilft uns ganz nebenbei zu internationaler Wahrnehmung. 

Welcher Arbeitstyp sind Sie? Arbeiten Sie lieber in der Bibliothek oder lieber zu Hause? Wie haben Sie die Zeit während der corona-bedingten Lockdowns erlebt, in der ein Arbeiten in der Albertina nicht möglich war? 

Ich bin flexibel, was meine Arbeitsformen angeht, sitze sehr gerne am Schreibtisch in meinem Büro, genauso gerne aber auf dem Sessel zuhause mit dem Laptop auf den Knien. Ich konnte schon immer gut in Cafés arbeiten, in Zügen erst recht. Corona hat mich ein wenig deprimiert, weil das Zusammensein mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in der Bibliothek dadurch erschwert oder verhindert wurde.

Arbeiten an Texten ist das eine, das kann man auch ganz gut alleine tun. Arbeiten an Projekten, Problemen und Umgestaltungen der Bibliothek ist das Andere, das geschieht am besten im Team und wechselseitigen Austausch miteinander. Das kommt jetzt stärker zurück und darüber bin ich froh.

Sie sind Philosoph und gehören damit zur Spezies von Menschen, der man nachsagt, sie würden nie aufhören, immer wieder alles kritisch zu durchdenken und zu hinterfragen. Fühlen Sie sich von diesem „Vorurteil“ gerecht beschrieben oder können Sie auch einfach loslassen und Sachen um ihrer selbst willen auf sich wirken lassen, ohne sie zu zerdenken? Oder schließen sich Denken und Wirkenlassen nicht aus?

Das ist eine heikle Frage, zu der ich vielleicht nur zwei Bemerkungen machen kann. Als ausgebildeter Philosoph ist es mir nicht fremd zu bekennen, dass ich weiß, dass ich nichts weiß. In meiner Zeit in Wolfenbüttel habe ich mich zu den Katalogisierer:innen in die Arbeitsgruppe gesetzt und habe dumme Fragen gestellt, ohne mich dafür zu schämen, und so wirklich viel gelernt. 

Die Gefahr bei philosophisch veranlagten Menschen ist jedoch immer, dass sie andere zutexten oder mit Konzepten überwältigen und das ist nicht positiv. Als ich 2016 die Bewerbung für die „Bibliothek des Jahres“ geschrieben hatte, als Einzelinitiative, haben wir den Titel nicht bekommen. 2017 dann war es ein gemeinschaftlich getragener, formulierter und ausgestalteter Entwurf von weit höherer Qualität; dieser Antrag wurde dann belohnt. Ideen zu haben ist immer gut, aber Kritiker und Partner für die Realisierung zu haben ist unabdingbar. 

Wie sieht denn eigentlich Ihre „private“ Bibliothek zu Hause aus, wenn wir das so indiskret fragen dürfen? Haben Sie überhaupt einen speziellen Raum für Ihre Bücher oder gibt es mehrere Bereiche? Haben Sie ein spezielles Ordnungssystem? 

Zuhause habe ich etwa 8.000 Bücher, die stehen in unterschiedlichen Ordnungssystemen, die Franzosen in alphabetischer Ordnung, die Literatur zur Buch- und Bibliotheksgeschichte in einem Block, die Geistesgeschichte inklusive der Philosophiegeschichte in lockerer Chronologie. Romane und Krimis stehen gesondert, ebenso wie Kunstbände und Bibliotheksausstellungskataloge. Ich finde mich zurecht, was aber nicht verhindert hat, dass ich auch Bücher aus Versehen zweimal kaufte. 

Inzwischen arbeite ich sehr stark mit digitalen Ressourcen, darunter viele Retrodigitalisate älterer Bücher. Die Buchregale zuhause bilden einen Ort des Dialogs mit meiner eigenen Vergangenheit, mit Freundinnen und Freunden, die Bücher geschrieben oder sie mir geschenkt und gewidmet haben. Wenn ich nach dem Eintritt der Rente aus Leipzig wegziehe, was ich aus finanziellen Gründen leider tun muss, dann wird auch diese Umgebung der Bücher, die mit mir sprechen, schrumpfen müssen. Ich habe aber Zeit meines Lebens immer auch Bibliotheken benutzt und kann dort sehr gut arbeiten und tue das weiterhin gerne. 

Welche Entwicklung(en) soll die Bibliothek nach Ihrer Amtszeit nehmen? Was wünschen Sie den Kolleg:innen für die Zukunft?

Ich wünsche den Kolleginnen und Kollegen der UB Leipzig, dass sie den Schwung nicht verlieren, sich neue Dinge auszudenken, und die Energie weiter aufzubringen, alles mit allen zu bereden und gemeinsam voranzukommen. Das war für mich die wesentliche Erfahrung meiner 16 Jahre an der UB Leipzig: Ein durch und durch kollegiales Arbeitsklima, wie ich es mir besser nicht habe vorstellen können. Anderswo zählen Hierarchien mehr, hier in Leipzig ist es Teamgeist und Projektverantwortung, die Fähigkeit zu wechselnder Begeisterung und ein klares Bewusstsein davon, dass man nur gemeinsam wirklich vorankommt. Ich habe das auf vielen Ebenen in meiner Amtszeit erfahren und bin sehr dankbar dafür. 

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