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Auf der Chirurgie-Station des Universitätsklinikums Leipzig: Facharzt Dr. Nick Spindler steht 8.30 Uhr im Zentral-OP und stellt das Uni-Tablet an, um die Teilnehmer des Wahlfachkurses „Plastische- und Handchirurgie“ zu begrüßen. Die Studierenden wollen bei der OP am Handgelenk gleich live dabei sein. Ohne Corona würden sie mit im OP-Saal stehen, den Ärztinnen und Ärzten, Pflegerinnen und Pflegern hautnah über die Schulter schauen, Operateur oder Anästhesist fragen, wenn sie etwas nicht verstanden haben. Stattdessen sitzen sieben Studierende an ihrem heimischen Schreibtisch. Tags zuvor hatten sie den Dozenten begleitet, wie er den Patienten untersuchte und konnten über die digitale Chatfunktion Fragen stellen.

„Ich glaube, Online-Formate haben auch in der Medizin eine sehr große Zukunft“, resümiert Facharzt Dr. med. Nick Spindler, der den Wahlfachkurs zwei bis drei Mal pro Semester anbietet. „Online-Formate sind gut organisierbar und planbar, ermöglichen eine zeitlich und örtlich unabhängige Teilnahme“, zählt der Dozent die Vorteile auf. „Von der Universität Leipzig haben wir für die Lehre ein sicheres System zur Verfügung gestellt bekommen mit einer sehr guten Übertragungsrate, was Web-Konferenzen ohne Tonstörungen und Stopps ermöglicht. Die Interaktivität ist vollständig da, nahezu wie im Original. Aber natürlich fehlt die zwischenmenschliche Beziehung“, erklärt Spindler.

Allein im Wintersemester 2020/21 wurden an der Medizinischen Fakultät der Universität Leipzig 900 medizinische Lehr-Videos produziert, 1.700 Web-Konferenzen mit rund 45.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmern durchgeführt, 450 Themen in Chatforen besprochen und 36 Online-Klausuren geschrieben. Während des Sommersemesters im ersten Lockdown waren es sogar 1.400 Lehr-Videos. Fazit: Nicht eine Lehrveranstaltung musste wegen Corona ausfallen. Oberstes Ziel der Medizinischen Fakultät auch in der Pandemie war es, den Studierenden ihren Abschluss ohne Verzögerungen zu ermöglichen - und parallel die Sicherheit von Studierenden, Lehrenden und Patienten zu gewährleisten.

„Wir haben alles ausgeschöpft, was digitale Formate leisten können“, sagt Dozent Spindler vom Bereich für Plastische, Ästhetische und spezielle Handchirurgie unter Leitung von Prof. Dr. Stefan Langer nach Abschluss des einwöchigen Kurses. Aber wie geht es den Studierenden damit? Jeden Tag von 8.30 Uhr bis 14 Uhr allein vor dem Rechner sitzen – ohne echten Kontakt zu Ärzten und Patienten, kein Mensabesuch mit Kommilitonen. Da überrascht auf den ersten Blick die Gesamtnote 1, welche alle Kurs-Teilnehmer in der Evaluation angaben. Insbesondere die nahe Sicht durch das Uni-Tablet schätzten die Studierenden sehr. „So konnten alle sehr gut zuschauen, ohne dass im Saal zusätzlich sechs Studenten den Weg versperren“, vermerkte ein Studierender auf seinem Evaluationsbogen. „Anders als im normalen Unterricht am Krankenbett hat man so sehr viel mehr von den OP’s mitbekommen“, äußert sich ein anderer Teilnehmer über den Kurs.

„Das Manko an Online-Formaten ist, dass praktische Lehreinheiten nicht ersetzt werden können“, so Nick Spindler. Zur praktischen Lehre zählen das Nähen von Gummibären-Nasen unter dem OP-Mikroskop oder das Replantieren eines Gummibären-Füßchens. Wer mag, kann die süßen OP-Dummys nach der Behandlung verspeisen, sollte aber vorher den OP-Faden ziehen, der noch dünner ist als ein Haar. Spindler plant für das Sommersemester wieder mit Online-Formaten, dann auch mit Leihinstrumenten:  „Nadelhalter, Pinzette und OP-Schere wollen wir den Studierenden zum Ausprobieren und Üben künftig mit nach Hause geben." Lehrveranstaltungen in Präsenz bleiben bis auf wenige Ausnahmen mit Sondergenehmigung weiterhin ausgeschlossen.

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