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Mit seiner Dissertation über die armenische Diaspora in Ungarn näherte sich Dr. Hakob Matevosyan wissenschaftlich einem Thema, das ihn auch aufgrund seiner Familiengeschichte berührte. Seine Doktorarbeit wurde mit dem Promotionspreis 2020 der Research Academy Leipzig ausgezeichnet.

Name: Dr. Hakob Matevosyan

Geboren in: Jermuk, Armenien. Meine Heimatstadt ist ein gemütlicher Kurort im Südosten Armeniens, und ihr Name bedeutet "heiße Quelle". Die Stadt ist auch für ihr gleichnamiges Mineralwasser bekannt: "Jermuk"

Fachgebiet: Kultursoziologie

Mein Promotionsthema und/oder mein aktuelles Forschungsthema: Armenian Diasporic Field of Hungary: A Cultural Sociology

Das habe ich studiert: Ich habe einen Bachelor- und einen Master-Abschluss in Soziologie an der Staatlichen Universität Eriwan, Armenien, erworben. Dann war ich als Gastwissenschaftler in Leipzig und bewarb mich für ein Promotionsstudium am Institut für Kulturwissenschaften und an der Graudate School Global and Area Studies, Research Academy Leipzig. Mein Promotionsstudium an der Universität Leipzig wurde durch das Stipendium des "Armenian Communities Department" der Calouste Gulbenkian Foundation, Portugal, ermöglicht.

An der Uni Leipzig beschäftigt als/seit: Im Wintersemester 2014/15 habe ich meine Forschung an der Universität Leipzig begonnen. Parallel zu meinem Studium, zwischen 2017 und 2019, war ich Koordinator der Internationalen DoktorandenInitiative der Stabsstelle Internationales und organisierte mehrere soziale und kulturelle Veranstaltungen, Exkursionen und Workshops für die internationalen Doktorand:innen der Universität.

Worum ging es in Ihrem Dissertationsprojekt und was wollten Sie herausfinden?

In meiner kultursoziologischen Studie untersuchte ich die armenischen Diaspora-Gemeinden in Ungarn, die einen hohen Grad an Heterogenität aufweisen. Mein Forschungsschwerpunkt lag auf den konfliktreichen intra-diasporischen Beziehungen nach 1993, als das ungarische Minderheitengesetz LXXVII mit seiner Möglichkeit, staatliche Unterstützung durch die Gründung von Minderheiteninstitutionen auf lokaler und nationaler Ebene zu erhalten, in Kraft trat. In der Auseinandersetzung mit meinen Forschungsfragen und zum Aufbau des theoretischen Fundaments meiner Arbeit beziehe ich mich auf Pierre Bourdieus einflussreiche Theorie sozialer Felder. Vor dem Hintergrund dieser Arbeiten habe ich das Konzept eines „diasporischen Felds“ entwickelt.

Ausgehend von meinen empirischen Untersuchungen der ungarischen Armenier, in deren Zentrum 33 Interviews mit armenischen Personen stehen, analysiere ich gruppeninterne Beziehungen im Hinblick auf die Konstruktion und das Aushandeln armenischer diasporischer Identitäten in Ungarn sowie unter den Gemeinschaftsmitgliedern bestehende Konflikte über armenische diasporische Identitäten. Ich untersuche zudem Machtverhältnisse zwischen verschiedenen Diasporateilen im Hinblick auf Konflikte unter älteren und neueren armenischen Diasporagemeinschaften. Davon ausgehend untersuche ich, wie sich jüngere Migrationswellen auf frühere lokalen Diasporagemeinschaften auswirken, so dass neue kulturelle Rahmen geschaffen und Forderungen gestellt werden können, um die authentische Repräsentation der Armenier Ungarns zu monopolisieren.

Warum haben Sie gerade zu diesem Thema promoviert? Was treibt Sie an und was fasziniert Sie persönlich an diesem Forschungsthema?

Auf einer Reise durch Ost-Mitteleuropa landete ich 2012 in Budapest. Ich traf einen Bekannten, der an der Central European University studierte. In unserem zufälligen Gespräch über Kultur erwähnte er, dass die Armenier eine mehr als 400-jährige Präsenz in Ungarn haben, aber derzeit gibt es heiße Debatten um das kulturelle Erbe unter den verschiedenen armenischen Gruppen. Ich glaube, dieses Gespräch war der Ausgangspunkt für mich, über dieses Forschungsthema nachzudenken und später eine erweiterte Forschung durchzuführen.

Ich bin in einer Familie mit Migrationshintergrund und in einer Gesellschaft aufgewachsen, in der Diaspora, insbesondere im Hinblick auf die Vertreibung der Armenier nach dem Völkermord 1915 durch das Osmanische Reich, ein alltäglicher Begriff war. Meine Großeltern erzählten mir sogar "im Stillen" von ihrer erzwungenen Migration nach der Auflösung der Sowjetunion. Diskussionen über Identität, Zugehörigkeit, Migration waren seit meiner frühen Kindheit Teil meines Denkens. Die große Herausforderung für mich als Sozialwissenschaftler war jedoch, immer wieder vom normativen Denken zurückzutreten und stattdessen kritisches Denken und auch reflexive Forschungspraktiken zu entwickeln.

Das Wichtigste an meiner Tätigkeit ist für mich:

... die Freiheit des kreativen Denkens. Ich liebe es, den Geschichten der Menschen zuzuhören, und selbst wenn diese Geschichten widersprüchlich sind, mag ich es, sie zu interpretieren und Bedeutungen darin zu finden. Meine Leidenschaft in der Sozialforschung ist das Zusammenspiel von Theorie und empirischem Material.

Welche Stolpersteine und Highlights sind Ihnen auf Ihrem Weg zum Doktortitel begegnet?

Für mich war eines der Hauptprobleme der Mangel an deutschen Sprachkenntnissen, die mir mehr Möglichkeiten gegeben hätten, mich besser in das deutsche akademische Umfeld einzubringen und auch Zugang zu den neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen zu haben, die in diesem akademischen Raum produziert werden. In den akademischen Kreisen der internationalen Forscher zu sein, füllt diese Lücke natürlich bis zu einem gewissen Grad aus.

Die Zusammenarbeit und Unterstützung durch meine Betreuerin, Prof. Dr. Monika Wohlrab-Sahr, und den Zweitgutachter meiner Dissertation, Prof. Dr. Stefan Troebst, sind zweifellos die Highlights auf meinem Weg zur Promotion. Von besonderer Bedeutung sind meine Aktivitäten in der Internationalen DoktorandenInitiative und die Zusammenarbeit mit Betina Sedlaczek. Die Organisation zahlreicher sozialer und kultureller Projekte und Workshops waren große Impulse, um sich zu motivieren, pyschologisch zu balancieren und auf dem langen akademischen Weg voranzukommen.

Wie geht es nach der Promotion für Sie weiter?

Derzeit arbeite ich am Leibniz-Institut für Geschichte und Kultur des östlichen Europa (GWZO) als wissenschaftlicher Mitarbeiter. Meine Hauptaufgaben sind die Vorbereitung meiner Dissertation für die Veröffentlichung sowie die Konzeption und Fertigstellung eines mitherausgegebenen Bandes über diasporische Zugehörigkeit in historischer, vergleichender und zeitgenössischer Perspektive. Am GWZO koordiniere ich die englisch- und deutschsprachige Buchreihe "Armenians in Eastern Europe – Armenier im östlichen Europa".

Welche Entdeckung, Erfindung oder Erkenntnis wünschen Sie sich in den nächsten zehn Jahren?

Ich denke oft über Verbindungen zwischen sozialwissenschaftlicher Forschung über Diaspora, künstliche Intelligenz und Biotechnologien nach.

Womit verbringen Sie gern Ihre Freizeit?

In Leipzig ist es mein aktuelles Hobby, mit dem Kanu den Fluss entlang zu fahren und die Stille mit dem schönen Blick auf die Natur zu genießen.

Was gefällt Ihnen besonders an der Uni und/oder der Stadt Leipzig?

Die Bibliotheca Albertina ist ein besonderer Ort für mich. Es ist ein Ort, an dem ich mich zugehörig fühle. Vielleicht, weil ich dort einen großen Teil meiner Dissertation geschrieben habe, vielleicht, weil im Café Alibi das Personal mich schon kennt und wir kleine Gespräche führen, während ich auf meinen Kaffee warte, den ich meist nach der Kontrollfrage "Kleiner Kaffee wie immer?" bekomme.

Mein täglicher Weg zur Albertina führte durch den Clara-Zetkin-Park, der ein weiterer Lieblingsort ist, den ich entweder zu Fuß oder mit dem Fahrrad durchquere.

Haben Sie ein bestimmtes Lebensmotto, das Ihnen auch über schwierige Phasen hilft?

Ich erinnere mich ständig daran: "Be the change you want."

Vielen Dank.

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