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Eine Brücke zwischen neurowissenschaftlicher Grundlagenforschung und der Entwicklung neuer Therapien für neurologische Erkrankungen schlagen, das treibt Prof. Ruth Stassart an, die zum Oktober 2021 eine Professur für translationale Neuropathologie angetreten hat. Mit der strukturellen Neuberufung wird der Name des Paul-Flechsig-Instituts – Zentrum für Neuropathologie und Hirnforschung angepasst. Künftig gibt es zwei Abteilungen unter dem Dach der Universitätsmedizin Leipzig. Eine ist im Universitätsklinikum Leipzig verortet, die andere an der Medizinischen Fakultät.

Was haben Sie studiert – und wo?

Ich habe erst ein Jahr Volkswirtschaft und Romanistik in Freiburg studiert, bevor ich mich entschlossen habe, Humanmedizin zu studieren. Nach dem Grundstudium an der Universität Mainz habe ich den klinischen Studienabschnitt an der Universität Göttingen absolviert und dort auch meine Leidenschaft für die Neurowissenschaften entdeckt.

Was waren im Anschluss Ihre wichtigsten beziehungsweise Ihre letzten beruflichen Stationen?

Im Anschluss an mein Studium bin ich zunächst mehrere Jahre in Göttingen geblieben und habe am Max-Planck-Institut für experimentelle Medizin meine erste eigene wissenschaftliche Arbeitsgruppe aufgebaut. Gleichzeitig wollte ich jedoch den Bezug zur klinischen Medizin nicht verlieren und habe daher parallel am dortigen Uniklinikum eine Facharztausbildung für Neuropathologie verfolgt. Vor mittlerweile etwas mehr als vier Jahren wechselte ich dann zusammen mit meiner Arbeitsgruppe nach Leipzig. Hier arbeite ich seither als leitende Oberärztin für Neuropathologie und kann am Paul-Flechsig-Zentrum meine Forschung in einem hervorragenden Umfeld weiterverfolgen.

Was fasziniert Sie an Ihrem Forschungsgebiet und was sind Ihre Schwerpunkte?

Mich fasziniert immer wieder, wie unglaublich fein abgestimmt das Zusammenspiel zwischen den einzelnen Zelltypen unseres Nervensystems ist. Ein Paradebeispiel dafür ist die enge Verbundenheit zwischen den langen Nervenfasern im Körper und den sogenannten Gliazellen, welche die Nervenfasern ummanteln und mit Nährstoffen versorgen.

Leider gibt es zahlreiche Erkrankungen, in denen diese Gliazellen geschädigt werden, und in deren Folge auch die Nervenfasern absterben. Beispiele für diese Erkrankungen sind periphere Neuropathien sowie Leukodystrophien, die oft durch Gendefekte verursacht werden, oder auch die häufige und bekannte Multiple Sklerose. Betroffene Patienten leiden unter anderem unter fortschreitenden Gehbehinderungen sowie Gefühlsstörungen. Ein besseres Verständnis der zugrundeliegenden Krankheitsmechanismen und die Entwicklung neuer therapeutischer Optionen für diese überwiegend unheilbaren Erkrankungen sind wesentliche Schwerpunkte meiner Forschung.

Welches Forschungsziel haben Sie sich für Ihre Tätigkeit an der Universität Leipzig gesetzt?

Die Neurowissenschaften in Leipzig sind sehr facettenreich und die einzelnen Arbeitsgruppen sowohl innerhalb der Universität als auch außeruniversitär haben verschiedene Forschungsschwerpunkte. Diese Vielfalt als Chance zu begreifen und gemeinsam wissenschaftliche Herangehensweisen und Fragestellungen zu bündeln, ist aus meiner Sicht ein spannendes langfristiges Ziel hier am Standort in Leipzig.

Würden Sie bitte kurz einige Schwerpunkte nennen, die Sie in der Lehre setzen wollen?

Die Vermittlung von Wissenschaft liegt mir sehr am Herzen und ich halte dies für einen wesentlichen Aspekt des Medizinstudiums, nicht nur um Studierende für die Forschung zu begeistern. Als Arzt und Ärztin ist man heutzutage in nie dagewesenem Ausmaß darauf angewiesen, wissenschaftliche Daten und Studien beurteilen zu können. Im Austausch mit Studierenden bemerke ich hier immer großes Interesse aber auch viele offene Fragen. Die Neuropathologie, als Brückenfach zwischen Klinik und Forschung, eignet sich aus meiner Sicht perfekt, um in verschiedenen Formaten Wissenschaft und Wissenschaftsmethodik anschaulich zu vermitteln.

Gleichzeitig möchte ich mich verstärkt in interdisziplinären Lehrformaten engagieren und den Studierenden und Promovierenden verschiedener Disziplinen die Neurowissenschaften nahebringen. Die Nachwuchsförderung von jungen Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen ist eine sehr wichtige Aufgabe, die ich zudem als sehr bereichernd empfinde.

Bitte beenden Sie folgenden Satz: „Die Universität Leipzig ist für mich…“

…die Zukunft – und ein vielfältiges, weltoffenes und stimulierendes Umfeld.

Antworten Sie gern mit persönlichem Bezug oder allgemein: Welche Entdeckung, Erfindung oder Erkenntnis wünschen Sie sich in den nächsten zehn Jahren?

In meinem eigenen Forschungsbereich wünsche ich mir einen Durchbruch im Verständnis multifaktorieller neurologischer Erkrankungen, denn viele Krankheitsbilder, wie die Multiple Sklerose, die Alzheimer-Erkrankung oder auch periphere Neuropathien kommen durch das Zusammenspiel verschiedenster Ursachen zustande. Leider haben wir immer noch keine richtig gute Möglichkeit gefunden, die Komplexität dieser Mechanismen zu modellieren und zu verstehen.

Welche Hobbys haben Sie?

Meine freie Zeit verbringe ich zusammen mit meiner Familie, genauso gerne in der Natur wie in der Stadt. So oft wie möglich lese ich ein Buch. Ansonsten freue ich mich – nach den letzten zwei Jahren – wieder sehr auf das tolle Kulturangebot, dass Leipzig so lebendig und lebenswert macht.

Haben Sie ein bestimmtes Lebensmotto, das Ihnen auch über schwierige Phasen hilft?

Vermutlich braucht man für jede Lebensphase viele verschiedene Lebensmottos. Grundsätzlich ist aber oft das Unerwartete besonders spannend und bereichernd. Gerade in der Wissenschaft ergeben sich häufig aus einer kleinen unvorhergesehenen Beobachtung neue Fragen, Ideen und Projekte. Das ist immer wieder motivierend und macht gerade zusammen im Team sehr viel Spaß.

Verraten Sie uns bitte noch wann und wo Sie geboren sind?

1981 in Aachen.

Vielen Dank.

Die Fragen stellte Peggy Darius.