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Wie beeinflussen Alltagsmedien die Textformen in der Literatur? Welche Vorstellungen von Jugend werden in der Literatur gezeichnet? Diesen und anderen wissenschaftlichen Fragestellungen geht Dr. Anna Stemmann nach, die im September als Juniorprofessorin für Neuere deutsche Literatur mit dem Schwerpunkt Kinder- und Jugendliteratur im Tenure Track berufen wurde. Was sie an diesem Fachgebiet fasziniert und was Buxtehude mit bekannter deutscher Kinder- und Jugendliteratur zu tun hat, verrät sie im Universitätsmagazin.

Was haben Sie studiert, und über welche Stationen führte Ihr Weg an die Universität Leipzig?

Ich habe Germanistik, Kunst und Medien an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg studiert und dort mit einem Master of Arts in Germanistik sowie einem Master of Education für das Lehramt am Gymnasium (Deutsch und Kunst) abgeschlossen. In Oldenburg gab es eine Juniorprofessorin für Kinder- und Jugendliteratur, die meine Begeisterung für das Fach geweckt und gefördert hat. Ich habe viele Seminare in dem Bereich besucht und habe meine Masterarbeit mit dem Schwerpunkt zu Walter Moers Zamonien-Romanen schreiben können. Unmittelbar nach meinem Studium war ich als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Siegen und bin dann als wissenschaftliche Mitarbeiterin an die Goethe-Universität Frankfurt zum Institut für Jugendbuchforschung gewechselt. An der Universität Frankfurt wurde ich 2018 mit einer Studie zum aktuellen deutschsprachigen Adoleszenzroman in topographischer Perspektive promoviert. Ab 2019 war ich schließlich als Lecturer für den Bereich Kinder- und Jugendliteratur und -medien an der Universität Bremen tätig, bis ich 2021 den Ruf an die Universität Leipzig erhalten habe.

Wo liegen Ihre Forschungsinteressen, und was fasziniert Sie daran?

Meine Forschungsschwerpunkte liegen im Bereich der Kinder- und Jugendliteratur und damit bei einem Gegenstand, der immer wieder neue interessante Phänomene hervorbringt – gerade auch im Medienverbund, der nicht nur literarische Texte umfasst. Synergien ergeben sich dabei zu meinem zweiten Studienfach Kunst und Medien, wenn man sich z. B. mit dem Zusammenspiel von Bild und Text beschäftigt. Gegenwärtig zeigt sich etwa, wie mediale Einflüsse des Alltags auch Textformen beeinflussen. Ich finde es besonders reizvoll, gerade diese Konstruktion von Texten zu untersuchen und im Rahmen von aktuellen Jugendkulturen zu verorten. Für den Forschungsbereich der Kinder- und Jugendliteratur ergeben sich so viele Anschlussmöglichkeiten zu anderen Disziplinen.

Neben den intermedialen Erzählweisen und Bild-Text-Erzählungen forsche ich außerdem zum Adoleszenzroman. Interessant finde ich gerade an diesem Genre, dass es einen Schwellenbereich zwischen vermeintlicher Erwachsenen- und Jugendliteratur markiert, also genau jene Bereiche, die auch die Denomination meiner Professur abdeckt. Hier lassen sich Austauschprozesse und Grenzphänomene beobachten, die sowohl auf inhaltlicher als auch formaler Ebene stattfinden. Darüber hinaus ist es ergiebig zu fragen, welche Vorstellungen von Jugend sich in die Texte einschreiben und wie diese Lebensphase mit literarischen Mitteln inszeniert wird.

Würden Sie bitte kurz einige Schwerpunkte nennen, die Sie in der Lehre setzen wollen?

In der Lehre möchte ich gerne die Perspektive auf literarische Gegenwartsphänomene stark und aktuelle Forschungsdiskurse und -methoden für die Studierenden zugänglich machen. Wichtig ist mir, zu zeigen, dass es lohnt, auch Kinder- und Jugendliteratur differenziert und methodisch fundiert zu untersuchen. Neuere Entwicklungen, etwa zu den Queer und Age Studies bieten großes Potential, das auch in den Seminaren diskutiert werden kann. Gerade für angehende Lehrkräfte möchte ich den Blick für die formale und inhaltliche Vielfalt von Texten schärfen. Dabei ist mir aber auch wichtig, diese Beobachtungen ebenso in litertaturhistorische Zusammenhänge einzuordnen.

Die Juniorprofessur im Tenure Track bedeutet für mich...

...eine Möglichkeit, langfristig in einem anregenden Arbeitsumfeld zu forschen und zu lehren.

Bitte beenden Sie folgenden Satz: „Die Universität Leipzig ist für mich…“

… ein neue und wichtige Station in meiner akademischen Laufbahn, in einer lebenswerten Stadt, mit vielen Möglichkeiten zur Vernetzung.

Welche Entdeckung, Erfindung oder Erkenntnis wünschen Sie sich in den nächsten zehn Jahren?

Ich wünsche mir mehr gesellschaftliche Rücksichtnahme und eine Entschärfung des Tons in manchen Diskursen. Unter dem Hashtag #umsehenLernen gibt es bei Twitter gute Vorschläge, wie ein zukünftiges Zusammenleben gestaltet sein kann, in dem auch Marginalisierte nicht mehr an den Rand gedrängt werden. Eine zentrale Rolle kann dabei auch der Literatur- und Kulturbetrieb einnehmen.

Haben Sie ein bestimmtes Lebensmotto, das Ihnen auch über schwierige Phasen hilft?

Ein Motto habe ich im Grunde nicht, denn das Leben hält immer wieder oftmals unerwartete Überraschungen bereit, die sich kaum einfassen lassen. Aber es gibt eine Textpassage in dem Roman „Busfahrt mit Kuhn“ von Tamara Bach, die ich mag und die dieser Offenheit von Lebensverläufen ein wenig Struktur gibt: „Es geht weiter. Wir stehen auf. Und gehen los. Und irgendwann wird unser Gehen auch eine Richtung bekommen.“

Verraten Sie uns bitte noch, wann und wo Sie geboren sind?

Ich bin im Juli 1988 in Buxtehude geboren. Und damit an einem Ort, der für eine Kinder- und Jugendliteraturwissenschaftlerin durchaus bezeichnend ist, denn neben dem Märchen vom Hase und Igel, das dort spielt, reist etwa auch Petrosilius Zwackelmann in Otfried Preußlers „Räuber Hotzenplotz“ zum Zaubererkongress dorthin.

 

  • Neue Website zum Leipzig Tenure-Track-Programm
    Eine Übersicht, wie genau das Leipzig-Tenure-Track-Programm (LTTP) im Rahmen des Bund-Länder-Programms WISNA angelegt ist und was es alles zu beachten gilt, finden Sie unter diesem Link.

 

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