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Freiheitlichkeit, Rechtlichkeit, soziale Sicherheit, Demokratie - es sind verschiedene Sichtweisen unterschiedlicher Fachrichtungen, unter denen der Verzicht auf Wachstum betrachtet werden kann. Entsprechend lud die Stiftung Universitätskirche St. Pauli zu Leipzig gemeinsam mit der Universität Wissenschaftler unterschiedlicher Bereiche zu einer Diskussion. Die Keynote hielt der Philosoph Prof. Dr. Konrad Ott.

Eigentlich war man sich einig am Ende des 3. PaulinerFORUMS in der Aula und Universitätskirche St. Pauli der Universität Leipzig: So wie jetzt, mit ungebremstem Wachstum, kann es nicht weitergehen. Doch wie kann es gelingen, „Nachhaltigkeit in einer Postwachstumsgesellschaft“ zu erreichen, wie es der Umweltethiker und Philosoph Prof. Dr. Konrad Ott von der Kieler Christian-Albrechts-Universität postulierte. Er geht davon aus, dass Gesellschaften, die Produktion und Konsum von Wirtschaftsgütern einschließlich ihrer klimaschädlichen Emissionen auf ein nachhaltiges beziehungsweise naturverträgliches Maß reduzieren wollen, mit hoher Wahrscheinlichkeit dauerhaft keine hohen Wachstumsraten des Bruttoinlandsprodukts mehr erreichen können. „Solche Gesellschaften müssen sich somit selbst als Postwachstumsgesellschaften institutionalisieren“, erklärte Ott. Sollten sich Gesellschaften dazu entschließen, sich von der Wachstumsorientierung zu verabschieden, könnten daraus gewaltige Reformpotenziale entstehen.

Wie können aber Menschen dazu bewegt werden, freiwillig auf Wachstum und Konsum zu verzichten oder beides zumindest einzuschränken? Zunächst, so Ott, müsse ein Konzept von „starker“ Nachhaltigkeit geschaffen werden, das den Menschen an eine anthropozentrische Umweltethik heranführt. Voraussetzung dafür sei eine an die Ideen des Philosophen Georg Wilhelm Friedrich Hegel anknüpfende „normativ gehaltvolle Gesellschaftstheorie.“ Dabei sieht Ott Deutschland auf einem durchaus positiven Weg: Artikel 20a des Grundgesetzes sehe zum Beispiel vor, dass der Staat „auch in Verantwortung für die künftigen Generationen die natürlichen Lebensgrundlagen und die Tiere im Rahmen der verfassungsmäßigen Ordnung“ schützt. Dafür seien bereits gesetzliche Grundlagen wie etwa das Naturschutz-, das Wald- oder das Biodiversitätsgesetzt als formaler rechtlicher Rahmen gesetzt. Allerdings müsse dabei auch die Wirtschaft ihren Anteil beitragen, denn „der Markt ist ein guter Diener, aber ein schlechter Herr.“

Zwar konnte Dr. Martin Quaas, Professor für Biodiversitätsökonomik an der Universität Leipzig, Ott in vielen Punkten folgen. Dennoch blieb er skeptisch: „Eine Postwachstumsgesellschaft ist eine Utopie“, erklärte er. Der Mensch wolle immer mehr statt weniger. „Kann man Menschen so reformieren, dass sie etwas Anderes wollen?“ Die Idee eines Postwachstums setze aus seiner Sicht am falschen Ende an. Viel stärker als der Mensch und Konsument müsse die wirtschaftliche Entwicklung in den Blick genommen werden: „An welcher Stelle soll es Wachstum geben, wo Schrumpfung?“ Sorgen bereite ihm, dass wirtschaftliche Entwicklung fast immer mit einer Verschlechterung der Umweltqualität einhergehe.

Auch Quaas war durchaus bereit, die Chancen in einem angepassten Wirtschaftswachstum zu sehen. Dies gelte aber nur, wenn neue Technologien und Innovationen in die richtige Richtung gelenkt würden. „Die Besteuerung von Kohlendioxid ist meiner Meinung nach ein richtiger Weg.“ Dies könne dazu beitragen, die CO2-Emmissionen auf Null zu bringen - „was zwingend und schnell geschehen muss.“ Dem möglichen Einwand, dass nicht einzelne Länder solche Schritte allein gehen könnten, entgegnete er: „Dem Klima ist es egal, wo eine Tonne CO2 ausgestoßen wird.“

Der Dekan der Theologischen Fakultät der Uni Leipzig, Prof. Dr. Andreas Schüle, benannte einen offenbar aus seiner Sicht bestehenden Schwachpunkt in der Diskussion. „Nachhaltigkeit ist ein Modewort, das sich momentan überall findet“, legte er den Finger in die Wunde. Und war dabei auch selbstkritisch: „Auch christliche Gemeinschaften sind auf Wachstum und auf Steigerung aus“, hielt er fest. Auch Christen müssten den Verzicht auf Wachstum erst lernen - „aber warum sollten sich Gesellschaften auf den Verzicht auf Wachstum einlassen?“

Allerdings war auch Schüle bei weitem nicht nur pessimistisch. „Vor längerer Zeit war es doch so, dass zum Beispiel Bioprodukte eher eine Sache für Besserverdiener gewesen sind, heute sind sie aber praktisch Allgemeingut.“ Dabei dürfe man sich aber nicht zum Beispiel auf Religion als Antrieb für den Wandel verlassen. „Man traut der Religion ganz schnell ganz viel zu – aber auch Religion braucht Anstöße von außen, etwa aus der Philosophie.“ Dabei ging er auch kurz auf eine provokante Äußerung ein, die Ott in den Raum gestellt hatte: „Hat der Sozialismus eine zweite Chance verdient?“ Nach Schüles Auffassung wohl kaum: „Es muss sich ein tiefgreifender Wandel vollziehen, der keine Revolution braucht.“

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