In einem kleinen Gesundheitszentrum nahe Kigali sitzt eine junge, schwangere Frau auf einer Holzbank und wartet auf ihre Untersuchung. Neben ihr summt leise ein tragbares Analysegerät, das in wenigen Minuten Blutwerte ausgeben wird – kaum größer als ein Schuhkarton. Was in Deutschland wie eine Routine wirkt, ist mitten in Ruanda keine Selbstverständlichkeit: moderne Diagnostik für schwangere Frauen auf dem Land. Hier beginnt die spannende Geschichte einer wissenschaftlichen Zusammenarbeit zwischen der Medizinischen Fakultät der Universität Leipzig und der University of Global Health Equity im zentralafrikanischen Ruanda.
Ein Besuch, eine Idee
Ausgangspunkt für die Leipziger Forscher:innen ist die Frage: Lassen sich Studien, die Mütter und ihre Kinder ab der Schwangerschaft oder Geburt über Jahre begleiten – auch in einem afrikanischen Kontext durchführen? In Ruanda läuft im Jahr 2023 bereits eine solche Studie, geleitet vom Epidemiologen Prof. Alemayehu Amberbir, Wissenschaftler der University of Global Health Equity. Mit über 1.200 teilnehmenden Schwangeren widmet sie sich dem Thema, wie sich Ernährung auf die Gesundheit von Mutter und Kind auswirkt. In einem Land, in dem Mangelernährung und daraus resultierende Wachstumsprobleme nach wie vor verbreitet sind.
Als die Leipziger Wissenschaftler:innen das Projekt im Frühjahr 2023 vor Ort kennenlernen, ist schnell klar: Diese afrikanische Studie im laufenden Betrieb lässt sich nicht beliebig erweitern, ohne das Gesamtkonzept zu gefährden. Also entsteht eine pragmatische Idee: Ein kleines, wissenschaftlich wertvolles Zusatzprojekt, das moderne Labormessungen in die Studie integriert, ohne jedoch die Abläufe zu überlasten. Für die Finanzierung braucht es dringend eine Kooperationsvereinbarung der beiden Universitäten. „Es war unfassbar schnell, was unser Forschungsreferat und die Drittmittelverwaltung der Medizinischen Fakultät geleistet haben, damit wir noch rechtzeitig in die bereits laufende Studie in Ruanda einsteigen konnten“, sagt Prof. Dr. Jon Genuneit, der das Projekt im Rahmen der Life Child-Studie in Leipzig leitete.
Neue Daten für die Gesundheit der Frauen in der Schwangerschaft
Die konkrete Idee für die Zusammenarbeit über zwei Kontinente hinweg: Blutwerte messen, die in der Regelversorgung bei Schwangeren in Ruanda bisher nicht erfasst werden. Während in Deutschland Blutproben routiniert ins Zentrallabor gehen, fehlt in Ruanda die Infrastruktur für Transport und Kühlung. Die Lösung: sogenannte Point-of-Care-Systeme, tragbare Messgeräte, die den Blutzuckerspiegel oder Blutfette direkt vor Ort bestimmen können. Die Leipziger Forschungsgruppe um Prof. Genuneit wählte gemeinsam mit den Forscher:innen in Ruanda passende Geräte aus, kümmerte sich um die Einfuhr und die Schulung der lokalen Teams.
Dieser scheinbar technische Schritt, stellte sich als logistische Kraftanstrengung für die Wissenschaftler:innen heraus: Geräte mussten durch den ruandischen Zoll, Verbrauchsmaterialien beschafft und gelagert, Stromversorgung gesichert und die digitale Datenspeicherung getestet werden. Der Einsatz lohnte sich für die Beteiligten in beiden Ländern: Schnell lagen erstmals Blutwerte von hunderten Schwangeren aus Ruanda in bisher nicht gekannter Detailtiefe vor.
Vergleiche mit den bereits existierenden Leipziger LIFE-Child-Daten zeigen: Manche Werte ähneln sich zwischen den Ländern, andere unterscheiden sich deutlich – etwa bei der Veränderung des Blutzuckers im Verlauf der Schwangerschaft. Während in Deutschland durch Vorsorge und Therapie Schwangerschaftsdiabetes früh erfasst und reguliert wird, steigen die Werte in Ruanda teils deutlich an. Diese Information liefert praxisnahe Argumente für eine verbesserte Versorgung in Zentralafrika. Darüber hinaus konnten die gewonnenen Daten als Referenzwerte für Schwangere in Ruanda aufbereitet werden – ein Novum. Für alle Beteiligten eröffnete sich die Möglichkeit, Teil einer internationalen Publikation zu sein, die im Juli 2025 im Journal of Global Health publiziert worden ist, sowie für die afrikanischen Wissenschaftler:innen um Prof. Amberbir die Chance, methodische Expertise aus Deutschland kennenzulernen.
Kommentare
Keine Kommentare gefunden!