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Ein ausgewiesener Experte für nachhaltige Entwicklung, ökonomisches Wachstum und Umweltwirtschaft forscht und lehrt in diesem Semester als Leibniz-Professor an der Universität Leipzig. Der Wirtschafts- und Musikwissenschaftler Sjak Smulders ist Professor an der Universität Tilburg (Niederlande) und hat sich mit zahlreichen Publikationen und als Mitherausgeber renommierter Fachzeitschriften einen Namen gemacht. Seine Untersuchungen zum Zusammenhang von Wirtschaftswachstum und Umweltbelastung haben besondere Aufmerksamkeit erregt. Ein von ihm entwickeltes Modell beschreibt beispielsweise die Bedingungen von ökonomischen Wachstum vor dem Hintergrund begrenzter natürlicher Ressourcen. Im Interview mit der Medienredaktion hat der 52-Jährige über seine Arbeit gesprochen.

Frage: Zu Ihren Untersuchungsgebieten gehören die Umwelt-, Energie- und Ressourcenökonomie sowie die Theorie und Geschichte des Wirtschaftswachstums. Angesichts des gegenwärtigen Zustands unserer Umwelt stellt sich die grundsätzliche Frage, inwiefern eine Zunahme der Wirtschaftsleistung erstrebenswert ist. Ist das oft diskutierte Spannungsfeld von Wirtschaft und Umwelt aus Ihrer Sicht überhaupt nachweisbar – und wie stehen die Aussichten, dass dieser Streit beigelegt werden kann?

Sjak Smulders: Unsere Sorge gilt der Umwelt, daher sollte es auch unser Anliegen sein, Umweltprobleme anzusprechen. Es wäre allerdings ein Fehler, wenn wir das Wirtschaftswachstum ausschließlich aus Gründen des Umweltschutzes reduzieren würden. Stattdessen benötigen wir eine neue Form des Wirtschaftswachstums, die sich durch eine geringere Belastung der Umwelt auszeichnet und weniger auf die Gewinnung von Ressourcen angewiesen ist. Ich sehe keine zwingenden Gründe, warum diese neue Art des Wachstums nicht durchführbar sein sollte. Das Wirtschaftswachstum der Moderne war überwiegend geprägt durch Innovationen, technologischen Wandel und Veränderungen im Konsumverhalten. Der durchschnittliche Arbeiter unserer Volkswirtschaften wird zunehmend produktiver. Zudem konnte der Ertrag pro Ressourceneinheit gesteigert werden. Insofern bedarf es lediglich noch einer Beschleunigung der Entwicklung von „Clean Innovations“. Emissionsvorschriften und Kohlenstoffpreise werden den Übergang von schadstoffreichen zu sauberen Technologien begünstigen.

Bislang verlaufen derartige Innovationsleistungen noch schleppend, so dass Wachstum in der Vergangenheit stets mit einer Zunahme des ökologischen Fußabdrucks verbunden war. Allerdings waren die Umweltvorgaben auch eher nachlässig. Falls wir uns dazu entschließen, strengere Auflagen anzuwenden, würde sich das Wirtschaftswachstum zwar geringfügig verlangsamen, solange jedoch unsere Volkswirtschaften auf innovative Ideen zurückgreifen, könnte die Wirtschaft umweltverträglicher gestaltet werden, ohne grundlegend an Wachstum einbüßen zu müssen. Der alternative politische Ansatz einer direkten Reduzierung des Wachstums würde hingegen voraussichtlich Innovationen unterdrücken, die Entwicklung einer umweltverträglichen Wirtschaft erschweren und folglich eher kontraproduktiv wirken. Diese Entscheidung ist umso bedeutsamer, da viele Länder und Gesellschaftsgruppen auf Verbesserungen ihres Lebensstandards angewiesen sind.

Sie beraten unter anderem die Weltbank und das Kieler Institut für Weltwirtschaft zu Fragen der Ressourcenökonomie und zu den wirtschaftlichen Grundlagen der Klima- und Umweltpolitik. Es scheint, als hätte nie zuvor ein größerer Bedarf der Politik an wissenschaftlicher Beratung bestanden, nicht zuletzt auch aufgrund der komplexen wirtschaftlichen Herausforderungen, mit denen sie sich konfrontiert sieht. Wird die Stimme der Wissenschaft erhört?

Es ist erstaunlich, wie viel Forschungsarbeit im Bereich des Klimawandels geleistet wird. Die Sozialwissenschaften sind stark daran interessiert. Gleichzeitig beginnen die politischen Entscheidungsträger gerade erst damit, Wissenschaftler in ihre Beschlüsse zum Klimawandel einzubeziehen. Dieser Prozess benötigt eine gewisse Zeit. Aber es geschieht viel mehr, als man auf dem ersten Blick zu erkennen vermag. Es bestehen zahlreiche Verbindungen, in denen die Wissenschaft ihren Einfluss geltend machen kann. Wissenschaftliche Gutachten werden von politischen Einrichtungen aufgegriffen, die wiederum mit Ministerien in Verbindung stehen. Somit erreichen diese Informationen schließlich auch die oberen Ebenen der Politik. Noch nie haben sich Kommunikation und Verbreitung schneller vollziehen können. Das liegt nicht allein an den neuen sozialen Medien. Die Berichte Intergovernmental Panel on Climate Change (des IPCC) sind ein gutes Beispiel dafür, wie Wissenschaft in zusammengefasster und verständlicher Form zur Beratung der Politik beitragen kann.

Es war sicher kein Zufall, dass Ihre Antrittsvorlesung am 17. Oktober vergangenen Jahres in der Alten Handelsbörse stattfand und von barocker Kammermusik begleitet wurde. Als Musikwissenschaftler und Kenner der barocken Musik und Orgelkunst widmen Sie sich im Rahmen Ihrer wirtschaftswissenschaftlichen Forschung auch der Reformation und Johann Sebastian Bach. Was interessiert Sie an der Reformation?

Der Zusammenhang zwischen Wirtschaftswachstum und Luthers Reformation mag sich nicht sofort erschließen. Dennoch besteht hierbei eine enge Verbindung. Sowohl Wirtschaftswachstum, als auch die Verbesserung des Lebensstandards bedürfen einer stabilen gesellschaftlichen Organisation. Investoren sollten eine gute Infrastruktur und Prinzipien der Rechtsstaatlichkeit vorfinden können, anstatt die Gefahr einer Enteignung befürchten zu müssen. Wirtschaftswissenschaftler nennen diese Struktur „Gute Institutionen“ („good institutions“). Insofern stellt sich die Frage, welche historischen Bedingungen in bestimmten Regionen der Welt zur Etablierung von Institutionen geführt haben könnten, die einem Wirtschaftswachstum förderlich waren. Dafür gibt es mehrere Antworten, aber wir gehen davon aus, dass ein Wandel der Religiosität im Zusammenhang mit einer Veränderung der Institutionen steht. Wir fanden heraus, dass in einigen Regionen des heutigen Deutschlands, welche durch eine vergleichsweise hohe Armut und relativ fruchtbares Land gekennzeichnet waren, eine hohe Wahrscheinlichkeit bestand, mit der römischen Kirche zu brechen. Indem sie Luthers Vorstellungen von der Organisation der Kirche und des Staates adaptierten, erlangten die lokalen Autoritäten – ausgehend vom Herzog von Sachsen – mehr Unabhängigkeit, so dass sie das bislang ungenutzte Potenzial ihrer Ländereien besser ausschöpfen konnten.

Erkennen Sie einen Zusammenhang zwischen der musikalischen und wirtschaftlichen Entwicklung in der Zeit des Barocks?

Um in der heutigen Zeit erfolgreich auf Herausforderungen reagieren zu können, müssen Arbeitskräfte mobil bleiben und über die Bereitschaft verfügen, in jene Städte zu ziehen, in denen sich neue Möglichkeiten ergeben und Innovationen stattfinden. Wir wollten untersuchen, ob ein solches Vorgehen möglicherweise bereits während der Barock-Epoche in Deutschland gebräuchlich war. Aufgrund meiner eigenen Sammlung von Barock-Musik war mir bereits bewusst, dass viele Komponisten dieser Zeit ausgesprochen produktiv waren. Woher kamen all diese Komponisten? Wir fanden heraus, dass seinerzeit eine ausgeprägte Mobilität existierte, so dass die reichsten Städte auch Musiker aus den entferntesten Regionen anwerben konnten, darunter auch jene, die ihre Ausbildung in Italien genossen hatten.

Welche musikalischen Einrichtungen haben Sie in Leipzig bereits kennengelernt?

Seitdem ich in Leipzig bin, entdecke ich jeden Tag neue Musikveranstaltungen. Es ist erstaunlich, wie viel hier passiert. Ich hatte zudem bereits die besondere Ehre, die neue Orgel im Paulinum spielen zu dürfen.

Als Leibniz-Professor legen Sie besonderen Wert auf die Unterstützung von Nachwuchswissenschaftlern. Inwiefern betreuen Sie die Studierenden und Doktoranden der Universität Leipzig?

Meine Kurse für Doktoranden und Masterstudierende beziehen sich auf meine Forschungsschwerpunkte. Ich diskutiere die neueste Literatur. Doktoranden präsentieren mir ihre Arbeiten, und wir kommen schnell in eine inhaltliche Diskussion. Die Studierenden entwickeln neue Ideen, und wir überlegen gemeinsam, inwiefern sich diese mit dem aktuellen Forschungsstand verknüpfen lassen. Dieses Vorgehen erleichtert uns die Auswahl einer wirkungsvollen Forschungsmethodik. Auf diese Weise können wir gemeinsam den gegenwärtigen Wissensstand bereichern.

Ein weiterer Fokus des Leibniz-Programms liegt auf dem interdisziplinären Austausch. Ihre Antrittsvorlesung hat gezeigt, dass Sie sich bereits ein beeindruckendes Netzwerk an der Universität Leipzig aufbauen konnten. Wie gelingt Ihnen der wissenschaftliche Dialog?

Ich nutze jede Möglichkeit, um mich in interdisziplinären Projekten und Präsentationen zu engagieren, da ich weiß, wie selten solche Gelegenheiten trotz aller Bemühungen noch immer sind. Obwohl die Kommunikation mit Wissenschaftlern aus anderen Disziplinen nicht immer einfach verläuft, lerne ich dabei ungemein viel. In Gesprächen mit Vertretern anderer Disziplinen versuche ich immer darauf hinzuweisen, dass sich wissenschaftliche Prinzipien selbst noch hinter den scheinbar abwegigsten Sachverhalten – wie etwa Lifestyle, Religion, Musik – verbergen können und dass die Wirtschaftswissenschaft nicht nur Fragen des Geldes behandelt, sondern sich auch der Lösung von unvereinbaren Zielsetzungen widmet, beispielsweise Arbeitsplätze versus Umweltschutz. Wenn ich mit Kollegen der Wirtschaftswissenschaften spreche, dann verweise ich gerne darauf, dass andere Disziplinen oftmals über umfassendere Erklärungen verfügen, die wir als Ökonomen ernst zu nehmen haben und in unserem Denken berücksichtigen sollten. Dementsprechend warne ich gegenüber Wirtschaftswissenschaftlern auch davor, die Besteuerung von Kohlenstoff als Lösung für alle Probleme zu betrachten. Im Gespräch mit Umweltschützern betone ich hingegen bereitwillig die durch die Kohlenstoffsteuer bedingten positiven Anreize für Unternehmen zur Reduzierung von Emissionen.

Vielen Dank für das Gespräch. Die Fragen stellten Viola Gründemann und Katrin Henneberg.

Veranstaltungshinweis: Am 18. März (Montag) wird Prof. Dr. Sjak Smulders mit seinen Gästen im Rahmen des Science Cafés folgendes Thema diskutieren: „Geoengineering – Can we save the climate by tinkering with it?“ Zu den Gästen zählen Prof. Dr. Juan Moreno-Cruz von der University of Waterloo in Kanada, Prof. Dr. Wilfried Rickels von der Universität Kiel sowie Prof. Dr. Martin Quaas, Universität Leipzig. Die Veranstaltung beginnt um 20 Uhr im Café Alibi (Bibliotheca Albertina). Alle Interessierten sind herzlich dazu eingeladen.

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