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Vier Semester am Stück behandeln Studierende der Zahnmedizin in ihrer Ausbildung echte Patienten. Dabei sind sie mindestens 16 Semesterwochenstunden Zahnarzt und Praxis-Manager in einem. Wie lässt sich diese große Aufgabe meistern und warum sind Verwandte in diesem Studiengang noch wichtiger als sonst? Eine Reportage über den Alltag der Zahnärzte von morgen.

Überall auf dem Flur der Klinik sind Bohrgeräusche zu hören. Es riecht nach Zahnarztpraxis. Kein Wunder, denn 20 modern eingerichtete Praxisräume reihen sich hier u-förmig aneinander, wie die Zähne in einem Kindergebiss. In jedem Zimmer stehen Studierende der Medizinischen Fakultät und behandeln Patienten. So sieht der Alltag für die künftigen Zahnmediziner im siebenten bis zehnten Semester aus, mit 16 Semesterwochenstunden.

Clara Beck ist an diesem Vormittag mit der Abformung für eine Prothese des Oberkiefers ihres Patienten beschäftigt. Den Senioren wird sie bis zu ihrem Staatsexamen im September behandeln. Immer wieder erklärt sie ihm, was nun als nächstes passiert. Den sozialen Aspekt, also den Umgang mit den Patienten, lernen die Studierenden im sechsten Semester in Form von Rollenspielen. „Ansonsten geht das eigentlich schneller, als man denkt“, sagt Clara und fügt hinzu: „Schwieriger ist es, die Behandlung komplett zu planen.“   

Praxis-Manager während des Studiums

„Man managt in diesen Behandlungskursen seine eigene kleine Zahnarztpraxis. Ist Zahnarzt, Helfer, Terminkoordinator und Putzkraft in einem. Dadurch bekommt man auch eine sehr enge Beziehung zu seinen Kommilitonen“, beschreibt Studiendekan Prof. Sebastian Hahnel die einzigartige Atmosphäre in der Zahnmedizin. Dazu gehört auch, sich selbst an der Patientensuche zu beteiligen, denn pro Semester benötigen die Studierenden eine zweistellige Zahl an Freiwilligen. „Es ist schade, dass viele gar nicht von der Möglichkeit wissen, sich im Studierendenkurs behandeln zu lassen“, sagt Clara.

Die Zahnmedizinstudierenden greifen oft auf Verwandte und Bekannte zurück. „Die Oma meiner damaligen Freundin und heutigen Frau hat eine Prothese gebraucht. Zu meinen Staatsexamensprüfungen ist sie mit ihr zehnmal hundert Kilometer hin und her gefahren, damit ich eine Patientin habe“, verrät Prof. Hahnel.  Der Experte weiß, dass es für die Studierenden eine große Herausforderung und viel Stress bedeutet, für die unterschiedlichen Behandlungen ausreichend Patienten zu haben.

Zahntechnik von der eigenen Werkbank

In den sich insgesamt über einen Zeitraum von zwei Jahren erstreckenden klinischen Ausbildungskursen teilen sich zwei Studierende immer einen Behandlungsstuhl, einer arbeitet am Patienten, der andere assistiert. Natürlich unter Aufsicht eines Zahnarztes, der für Fragen und Hilfestellungen jederzeit zur Stelle ist. Bestimmte Behandlungsschritte, zum Beispiel die Präparation oder der fertige Zahnersatz, müssen einem Oberarzt oder Klinikdirektor gezeigt werden.

Einige zahntechnische Arbeiten stellen die Studierenden selbst her. Das Labor dafür befindet sich eine Etage über den Behandlungszimmern der Zahnklinik. Die künftigen Ärztinnen und Ärzte sitzen an Werkbänken, vor ihnen sind Modelle von Patienten zur Bearbeitung eingespannt. Das Repertoire ist groß, Zahnersatz und Schienen gegen das Zähneknirschen werden unter anderem gefertigt.

Nach zehn Semestern fertige Zahnärzte

Bevor es in der Praxis soweit ist, werden alle Behandlungen in den ersten sechs Semestern am Phantom gelernt. Das sind Puppen, denen immer neue Gebisse eingesetzt werden können und an deren Kunststoffzähnen die Studierenden mit Bohrern üben. Zu Beginn der Corona-Pandemie im vergangenen Sommersemester dienten die Phantome als Ersatz für die Lehre am Patienten. Clara wird trotz Pandemie in diesem Herbst ihr Staatsexamen absolvieren, in der Regelstudienzeit von fünf Jahren. Im Vergleich zu den Humanmedizinern haben die Zahnmediziner einen höheren Praxisanteil und sind nach zehn Semestern fertige Zahnärztinnen und Zahnärzte, außer sie wollen Fachzahnärzte werden.

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