„Unter Graduiertenkolleg konnte ich mir anfangs gar nicht so viel vorstellen“, sagt Jannik Simon Reinbold in einem der Besprechungsräume in der Hainstraße, wo ECO-N sein räumliches „Zuhause“ hat. „Im Grunde ist das ECO-N ein strukturiertes Doktorandenprogramm. Wir schreiben an unseren Dissertationen, besuchen gleichzeitig Kurse und Veranstaltungen an Institutionen, die mit der Uni Leipzig verbunden sind“, erläutert der 31-Jährige weiter. Zu diesen gehören das Deutsche Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv), das Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) und das Leibniz-Institut für Troposphärenforschung (TROPOS).
Ökologische Systeme verstehen
Das übergreifende Thema von ECO-N ist der Zusammenhang zwischen Wirtschaft, natürlichen Ressourcen und menschlichem Verhalten. ECO-N steht für „Economics of Connected Natural Commons: Atmosphere and Biodiversity“. „Wir arbeiten in Gruppen zu fünf verschiedenen natürlichen Gemeinschaftsgütern: regionales Klima, Aerosole in der Luft, urbane Luftqualität, Ökosystem Wald und Ökosystem Boden“, sagt Reinbold. Die Wissenschaftler:innen wollen verstehen, wie natürliche Gemeinschaftsgüter funktionieren. Zentral geht es dabei auch um Ungleichheit und Ungerechtigkeit: „Einige wenige können zum Beispiel ein ökologisches System wie Wald, Luft oder Boden aus Eigeninteresse übernutzen und zerstören – mit dem Effekt, dass viele unter den Konsequenzen leiden müssen“, erklärt er. „Oft ist es gar nicht oder nur zu sehr hohen Kosten möglich, den Zugang zu natürlichen Ressourcen einzuschränken, wie zum Beispiel zu Meeren, die überfischt werden“. Nachhaltige Nutzungskonzepte müssen her. Aber zunächst gehe es darum, die Dynamiken im Einzelnen zu begreifen – das ist das Ziel von ECO-N. Erst dann können Maßnahmenfahrpläne entwickelt und politischen Akteuren Handlungsoptionen aufgezeigt werden.
Kleine interdisziplinäre Teams
Reinbold selbst erforscht die ökonomischen Auswirkungen des Klimawandels – mit einem Meteorologen zusammen. Alle Teams sind interdisziplinär besetzt aus Ökonomik und Naturwissenschaften. Reinbold selbst ist Ökonom, studierte in Kassel erst Wirtschaftsingenieurwesen und kam nach einigen Jahren Berufspraxis für seinen zweiten Master – in Volkswirtschaftslehre – nach Leipzig.
„Die interdisziplinäre Herangehensweise ist wichtig, da wir Systeme in komplexen Kontexten verstehen wollen“, sagt er. „In meiner Promotion schaue ich mir zum Beispiel die gesundheitlichen Auswirkungen von Hitze an, also: Wie stark steigt die Sterblichkeit? Wie teilt sich Übersterblichkeit auf Arme und Reiche auf? Wie verändert sich das im Laufe der Zeit über Länder hinweg?“, führt Reinbold aus. „Zum Beispiel ist damit zu rechnen, dass es in kalten Regionen wie Nordeuropa weniger Kältetote mit dem Klimawandel geben wird, dafür mehr Menschen, die an der Hitze sterben.“ Oder: „Wie passen wir uns an? Wieviel kostet die Anpassung? Zu welchem Grad ist sie überhaupt möglich? Wer kann die leisten und wo ist sie leistbar?“
Fachlicher Austausch als fester Bestandteil
Einmal pro Woche findet eine Vorlesung für alle derzeit 14 Doktorand:innen und Interessierten statt. Alle zwei Wochen tauschen sich die Gruppen in festgelegten Themenrunden untereinander aus. „Mit der Zeit bekommt man wirklich ein sehr gutes Bild von dem, was die anderen machen, und das finde ich großartig“, so der Forscher. „Denn die Systeme Wald, Boden und Luft interagieren ja auch miteinander“, erklärt der Nachwuchswissenschaftler.
In Lehrveranstaltungen referieren die Betreuer:innen der Doktorand:innen über ihre eigene Forschung und Methoden – also Expert:innen der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät, der Fakultät für Physik und Erdsystemwissenschaften, der Fakultät für Lebenswissenschaften sowie der außeruniversitären Einrichtungen.
Da bei ECO-N das Ganze weit mehr ist als die Summe ihrer Teile, sind zwei „Synthese-Post-Docs“ damit beauftragt, die Forschungsergebnisse der einzelnen Gruppen zusammenzuführen.
Einmal im Jahr fährt das Graduiertenkolleg gemeinsam auf eine Klausur-Tagung. Damit habe er nicht gerechnet, sei aber sehr begeistert, so Reinbold. Dass die Promovierenden als Gruppe gestartet seien, habe ebenfalls ein starkes Gemeinschaftsgefühl gestiftet, was sich positiv auswirke, betont er.
Einblick in wissenschaftsrelevante Tätigkeitsprofile
Das Graduiertenkolleg soll aber auch den Blick über den streng fachlichen Tellerrand hinaus weiten: So werden im Rahmen von Workshops auch Expert:innen aus Wissenschaftskommunikation, Wissenstransfer und Politikberatung eingeladen, die Einblicke in ihre Tätigkeitsprofile geben. „So kann man eine Vorstellung entwickeln, wo man sich später am produktivsten einbringen kann. Die Ausbildung hier ist wirklich umfassend“, so der Ökonom.
Eine weitere Kohorte von weiteren 14 Doktorand:innen wird nächstes Jahr mit ins Kolleg hinzukommen. Interessierte können sich ab Dezember 2025 bewerben. Das Graduiertenkolleg wird von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördert. Leiter ist Professor Dr. Martin F. Quaas (iDiv).
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