Wer ganz nach oben in eine der umgewandelten Fabrikhallen im Leipziger Westwerk steigt, hat eine gute Aussicht. In luftigen Räumen entwickeln Julika Prantner-Weber und Pauline Seuß Bildungsmaterialien und organisieren Workshops. Ihr Ziel: Klassenräume – und überhaupt Lernräume – sollen sichere Orte sein, in denen sich jede:r willkommen fühlt und wo Diskriminierung sensibel entgegengewirkt wird.
„Wir beobachten, dass viele Lehrkräfte unsicher sind, wie sie sich verhalten sollen, wenn in der Klasse ein Hitlergruß gezeigt wird, ein Mädchen verbalen sexistischen Übergriffen ausgesetzt wird oder wenn ‚behindert‘ oder ‚schwul‘ als Schimpfwort gebraucht wird“, erläutert Pauline Seuß. Sie ist Kultur- und Sozialanthropologin (Universität Wien) und Kulturwissenschaftlerin (Universität Leipzig).
Lehrkräfte wüssten zwar um das „Neutralitätsgebot“ nach dem Beutelsbacher Konsens, welcher dazu verpflichtet, zu vermitteln, wie man verschiedene Positionen betrachte und die eigene Haltung zu analysieren, fühlten sich aber nicht in der Lage, dies adäquat umzusetzen. „Einige verwechseln auch Neutralität mit Schweigen, etwa, wenn es um politische Einstellungen oder gar diskriminierende Aussagen geht“, so Seuß. Zu Studienzeiten hielt sie über die Friedrich-Ebert-Stiftung als externe Bildungsreferentin Workshops an Schulen, um der Verbreitung von Rechtsextremismus vorzubeugen. „Man muss üben, über Haltungen zu sprechen.“ Das BiV möchte Lehrkräften Raum schenken, sich selbst weiterzubilden, damit sie handlungssicher werden, um mit provokanten und oftmals auch menschenfeindlichen Verhaltensweisen umzugehen. Das Feedback sei bisher sehr positiv, sagt sie.
Inklusive Bildungsmaterialien zu Diversität
Eine zentrale Säule des Instituts sind die Bildungsmaterialien zu verschiedenen Diversitätsthemen. „Wir beschäftigen uns mit verschiedenen Ungleichheitskategorien: Dazu gehören romantische, geschlechtliche und sexuelle Diversität, aber auch Behinderungen“, erläutert Seuß, die in Nürnberg geboren wurde.
Diese beinhalten Text- und Bildkarten mit Alltagssituationen Jugendlicher und Fragen, denen sie sich gegenübersehen. „Jede Situation gibt es in komplexer und zertifiziert Leichter Sprache, als Audioversion oder in einer animierten Form, die etwa per Beamer gezeigt werden kann“, so Seuß. Somit ist das Material Schüler:innen mit unterschiedlichen Lernzugängen zugänglich – und auch an Förderschulen einsetzbar. Denn: „Viele Bildungsmaterialien behandeln zwar romantische, sexuelle und geschlechtliche Vielfalt, aber es wird meist nicht mitbedacht, dass dieses Thema natürlich auch behinderte Menschen umtreibt. Auch sie wollen dazu lernen“, erklärt Pauline Seuß. „Diese Lücke wollen wir schließen.“ Die Methodik und das grundlegende Material, die schrittweise erweitert werden, beruhen auf der Masterarbeit von Julika Prantner-Weber. Sie ist Sexualwissenschaftlerin, Sozialarbeiterin und Illustratorin.
Barrieren betreffen die ganze Gesellschaft
Auch zum Vielfaltsthema Ableismus gebe es bisher kaum Bildungsmaterialien, die das Thema für alle Lernorte zugänglich mache, so Seuß. Ableismus wird definiert als „die strukturelle Diskriminierung und Ungleichbehandlung von behinderten Menschen durch nicht-behinderte Menschen“, erläutert sie. Will heißen: Es reiche nicht, wenn sich Behinderte dazu fortbilden, um ihre eigene Situation zu verstehen. „Wenn wir davon ausgehen, dass Menschen nicht an und für sich ‚behindert‘ sind, sondern durch Barrieren an der Teilhabe gehindert werden, ist es ein gesamtgesellschaftlicher Auftrag, über das Thema zu sprechen“, sagt die Kulturwissenschaftlerin.
Kund:innen: Lehrkräfte, Hochschulen, Vereine
„Zu unseren Fortbildungen, die wir zum Beispiel nachmittagsweise online anbieten, kommen Lehrende aus ganz Deutschland, die sich etwa in einem geschützten Raum selber zu Genderidentität fortbilden möchten“, berichtet Seuß. Auch und vor allem Hochschulen, Bildungseinrichtungen und Vereine nehmen das Angebot wahr. So gehören die HTWK in Leipzig und die Hochschule in Osnabrück zu den Kund:innen. „Die Themen sind etwa Antifeminismus in der Wissenschaft oder inklusive Veranstaltungsplanung“, sagt Seuß. Sie wünscht sich, dass Lehramtsstudierende bereits einen pädagogischen „Werkzeugkoffer“ mit an die Hand bekommen. „Ich glaube, dass Bildung das A und O ist, um Diskriminierung zu überwinden – und durch Sozialpolitik.“
2024 wurde das BiV mit einem Gründungsstipendium der Hochschule Merseburg gefördert. Bis Ende dieses Jahres bekommt das Institut ein Technologiegründungsstipendium der Sächsischen Aufbaubank. Dieses sichere den beiden Gründerinnen ein Grundeinkommen, damit Einkünfte direkt in die Weiterentwicklung des Instituts gehen können, erläutert Pauline Seuß. „Damit wir uns verstetigen können, müssen wir genug Einnahmen selbst generieren – wir haben noch viel vor.“
Kommentare
Keine Kommentare gefunden!