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Dirk Hofmeister hat an der Universität Leipzig Psychologie studiert. Nach seinem abgeschlossenem Studium arbeitet er unter anderem als Journalist für die Sportsendung des Mitteldeutschen Rundfunks "Sport im Osten" und als Gastwissenschaftler an der Abteilung für Medizinische Psychologie am Universitätsklinikum Leipzig. Zur Zeit berichtet er von seinen sechsten Olympischen Spiele für die "Sportschau" aus der Zentrale des Norddeutschen Rundfunks in Hamburg. Wir haben ihn zu seinem aktuellen Alltag und dem Bezug zu seiner Alma mater befragt.

Stell' Dir vor es sind Olympische Spiele und keiner darf hin... Wie fühlt sich Berichterstattung fern vom Austragungsort an?

Als Journalist, der wie ich schon Olympische Spiele vor Ort erleben durfte, fühlt es sich ein bisschen seltsam an. Unsere journalistische Arbeit lebt nun mal davon, dass man direkten Kontakt zu Sportlerinnen und Sportlern hat, dass man auch mal hinter die Kulissen der vom IOC produzierten TV-Bilder schauen kann, dass man den Dingen vor Ort auf den Grund gehen und hinterherrecherchieren kann. Aber diese Arbeit aus der Ferne ist nicht ganz ungewohnt, u.a. aus Kostengründen arbeiten mehr und mehr Redaktionen quasi aus dem Remote-Modus und berichten von Sport-Großereignissen aus dem Redaktionsbüro. Und es gibt mit der Corona-Pandemie ja auch einen ganz und gar nachvollziehbaren Grund, die Reisetätigkeit auch von uns Journalisten auf ein Minimum zu reduzieren. Zum Glück haben wir in der ARD ein großes Reporternetz, auf das ich in meiner Arbeit zurückgreifen kann. Zum Beispiel, als ich zuletzt eine Story über die nicht ganz komplikationsfreie Entlassung des Corona-positiven Radsportlers Simon Geschke aus dem Quarantäne-Hotel geschrieben habe. Da habe ich mit unserem ARD-Reporter telefonieren können, der das erste Interview mit Geschke nach der Entlassung geführt hat. Auch wenn ich nicht live dabei war, konnte ich so die wichtigsten Infos, Begleitgeräusche und sogar Zitate von Geschke für meinen Artikel erhalten.

 

Wie sieht Ihr typischer Arbeitstag als Sportjournalist bei den Olympischen Spielen aus?

Wir arbeiten für sportschau.de im 24-Stunden-Schichtbetrieb, ich hatte zu Beginn der Spiele viele Nachtdienste, da habe ich so gegen 1 Uhr begonnen und konnte die Vormittagssessions von Tokio beobachten, bis zum Ende der Spiele habe ich jetzt Dienste, die die Nachmittags- und Abendsessions von Tokio abdecken. Zu Beginn jeden Dienstes steht eine kleine Redaktionskonferenz mit der Aufteilung: Was steht an aktuellen Entscheidungen an? Wer kann was beobachten und darüber schreiben? Welche Themen wollen wir heute neben den Medaillenentscheidungen noch vertiefen? Welche Vorab-Recherche für die kommenden Tage muss heute geleistet werden? Und dann geht es an die Arbeit, die sich manchmal tatsächlich wie eine Fließbandarbeit anfühlt. Eben noch Vorrunde im Ringen, jetzt gleich geht es zum Finale am Stufenbarren, dann ist die Medaillenentscheidung im Bahn-Vierer, und zack, steht auch schon das Handball-Viertelfinale an. Das macht Spaß, auch in der Nacht ist man ständig unter Strom, fiebert und leidet mit. Dazu kommt der Anspruch, unmittelbar nach Abpfiff oder dem letzten Versuch zum Beispiel im Diskuswerfen einen fertig geschriebenen Artikel veröffentlichen zu können. Aus meinem Psychologie-Studium weiß ich zwar noch, dass vor allem Nachtdienste und wechselnde Rhythmen nicht sonderlich gesund sind – aber, naja, Olympia ist ja nur alle vier Jahre. Oh Moment, die Winterspiele in Peking kommen ja schon im Februar … ;-)

 

Wie sehr hat Ihr Studium der Psychologie Ihre jetzige berufliche Tätigkeit geprägt? Können Sie noch Dinge aus Ihrem Studium nutzen?

Ich bin ja nicht ganz weg von der Psychologie, arbeite als Gastwissenschaftler an der Abteilung für Medizinische Psychologie am Universitätsklinikum und gebe hier u.a. Lehrveranstaltungen für Medizinstudierende zum Einfluss von sportlicher Aktivität auf die  körperliche und psychische Gesundheit. Außerdem war ich jahrelang in der psychologischen Beratung in Krisensituationen beschäftigt. Diese psychologische Tätigkeit hilft mir sicher, mich in Sportlerinnen und Sportler in Drucksituationen hineinzuversetzen und auch Verständnis dafür zu entwickeln, wenn beim Saisonhöhepunkt nicht die beste Leistung abgerufen werden kann. Außerdem hoffe ich, dass man bei meinen Artikeln bei aller kritischen Distanz auch immer eine gewisse Empathie herauslesen kann. Eine Formulierung wie „so ein Versager“ wird man bei mir nicht lesen.

 

Welches Ereignis hat Sie bei den aktuellen Spielen bislang am meisten beeindruckt / bewegt?

Das ist wirklich eine sehr sehr schwere Frage, bei der ganzen Fülle der Eindrücke und Entscheidungen. Weiß noch jemand, wer vor zwei Wochen die erste Medaille in Tokio geholt hat? Als Schlaglichter der Spiele fallen mir ganz spontan Turnerin Simone Biles, das Hochsprung-Finale der Männer und Bronze für Dimitrij Ovtcharov ein. Biles‘ Mut, das Tabuthema mentale Probleme im Spitzensport anzusprechen, hilft hoffentlich, dass wir in der Gesellschaft offener über Leistungsdruck und Psyche sprechen. Dass sie dann die Kraft für den Schwebebalken-Wettkampf findet und noch Bronze gewinnt, könnte ein ganz positives Zeichen für alle sein, die an sich zweifeln. Dass beim Hochsprung-Finale der Männer die beiden gleichauf liegenden Gianmarco Tamberi und Mutaz Essa Barshim auf einen letzten Versuch zugunsten einer geteilten Goldmedaille verzichten, atmet den Geist olympischer Brüderlichkeit – oder besser Geschwisterlichkeit. Und, dass Ovtcharov nach einem verloren olympischen Tischtennis-Halbfinale, einer Nacht, in der er schon Aufhören wollte und vier Matchbällen gegen sich im Spiel um Platz drei noch Bronze holt – das hat mich wirklich beeindruckt und gerührt.

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