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In Leipzig gilt die 15 Kilometer-Begrenzung ab heute (18. Februar) nicht mehr. Kolumnist Prof. Dr. Elmar Schenkel hat sich dazu seine ganz eigenen Gedanken gemacht.

Wenn die Politik Zahlen in die Welt setzt, um daraus Regeln zu machen, schaue ich gern nach den symbolischen Ordnungen, in denen diese Zahlen auftauchen. Die 15 ist natürlich keine 42, das heißt, sie erklärt nicht alles. Aber sie gibt doch auch zu bedenken. Im Spanischen etwa ist sie die letzte Zahl mit einem eigenen Ausdruck: trece, catorce, quince. Danach folgen die zusammengesetzten Zahlen, dieciséis, diecisiete ... Sie ist also die letzte Zahl mit einem eigenen Körper. 

Im Übrigen hantieren wir täglich mit einem magischen Quadrat, in dessen Mitte die 5 steht. Zieht man die Summe der drei Zahlen, die jeweils durch die Mitte gehen, so erhält man immer 15. Taschenrechner und Tastaturen zeigen die Zahlen von 1 bis 9 in genau dieser Form. Im Hebräischen drückt man die 15 anders aus als die umgebenden Zahlen, weil sie den Namen Gottes enthält. 

Dieser Tage hörte ich einen Spazierforscher, der erklärte, dass die menschliche Anatomie für tägliche Wanderungen von etwa 15 Kilometern ausgelegt sei, ein Ergebnis unserer langen Savannenexistenz. Für diese Strecke bleiben wir also ein einziger Körper, wenige Kilometer mehr und wir sind nur noch Komposita, wir beginnen uns aufzulösen. Wir rufen dann: Es reicht jetzt! Die Anatomie ist also vielleicht auch ein Echo des Einen, das der Name Gottes verbirgt: Ihr sollt mein Ebenbild sein – aber eben nur für drei bis vier Stunden, denn solange brauchen wir für die 15 Kilometer.

Lassen wir die Phantastik von Theologie und Mathematik beiseite und wenden uns etwas Bodenständigerem zu: der Literatur. Im Jahre 1790 wurde der junge Soldat und Autor Xavier de Maistre nach einem Duell in Turin für 42 (sic) Tage unter Hausarrest gestellt. Er nutzte den Lockdown, um eine Reise durch sein Zimmer zu machen und diese in einem Buch wie eine Expedition zu beschreiben. Marcel Proust war sehr angetan davon, denn auch er lebte eingeschränkt – meist lag er im Bett eines mit Kork gedämmten Zimmers. Die nächste Umgebung wurde für ihn zu einem Ideengeber. Durch sie schaute er wie durch eine magische Laterne in seine Erinnerungen, die in die uneingeschränkte Suche nach der verlorenen Zeit mündeten. Viele sind de Maistre gefolgt, von Baudelaire bis Handke. Der österreichische Autor Karl Markus Gauß ging noch kürzlich anhand von Aschenbechern oder Brieföffnern biographischen Erinnerungen und europäischer Geschichte nach (Abenteuerliche Reise durch mein Zimmer, 2019). Erzähle dein Leben in zehn Objekten, die du um dich herum siehst!

Neben aller Sinnstiftung haben diese Expeditionen in die nächste Nähe auch einen praktischen Wert: Man kann durch eine minutiöse Beschreibung des eigenen Zimmers das Aufräumen noch etwas aufschieben. Wichtig ist doch, dass wir innerlich aufgeräumt sind. Allerdings sollten wir nicht vergessen, dass wir seit über 100 Jahren in der Lage sind, die 15-Kilometer-Hürde immer wieder zu überspringen und zwar mit Hilfe unserer verlängerten Sinnesorgane, die wir Medien nennen: Telefon, Radio, Fernsehen und Computer. Zuvor waren es Bücher und Zeitungen, die unseren Radius, wenn auch mit Zeitverzögerung, über den Planeten hinaus vergrößerten. Und eigentlich war es immer schon die Sprache, die uns immer wieder größer sein und über uns hinaus wachsen ließ, zeitlich und räumlich.

Mit Hilfe des PC habe ich endlich meinen erlaubten Radius berechnet. Auf der Kreislinie heißen die Orte, die etwa 15 Kilometer von meinem Wohnort entfernt sind, zum Beispiel Otterwisch, Gottscheina oder Rüssen-Kleinstorkwitz – Namen, die schon als solche Geheimnisse bergen. Für die Griechen endete die Welt bekanntlich bei den Säulen des Herakles, den Felsen von Gibraltar. Ich entdeckte dieses Gibraltar in der Nähe von Zitschen. Der Blick geht dort über das Meer von Zwenkau zu den Ruinen von Atlantis, das hier Eythra heißt, zum Seegeler Wunderbrunnen, wo die Bienen summen, und nach Röcken, wo der Antichrist Nietzsche gleich neben der Kirche ruht – genau 42 Kilometer von meinem Wohnort entfernt. So wie ich auf die Ebene von Lützen schaute einst Odysseus (bei Dante) auf den Atlantik. Eines Tages werde ich mit dem Rad durch die Säulen des Herakles fahren und dann wird 15 nur noch die Nummer meiner Straßenbahn sein und sonst nichts.  

 

  • Elmar Schenkel ist emeritierter Professor für englische Literatur an der Universität Leipzig. Neben zahlreichen Sachbüchern und Essays veröffentlicht er Erzählungen, Gedichte, Reisebücher und übersetzt britische Lyrik.

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