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Vor 50 Jahren wurde die Schwimmhalle in der Mainzer Straße nach drei Jahren Bauzeit fertig gestellt. Erst gehörte sie zur Sporthochschule DHfK, nach der Wende wurde sie in die sich neu gründende Sportwissenschaftliche Fakultät der Universität Leipzig integriert. Generationen von Schwimmtrainer:innen und Sportlehrer:innen wurden hier ausgebildet, vielversprechende Hochleistungsschwimmer:innen gezielt trainiert. Das Wassersportzentrum, wie es heute genannt wird, ist eine einzigartige Infrastruktur nicht nur der Universität Leipzig, sondern der Sportgeschichte und -gegenwart. Doch das Wassersportzentrum ist mehr als nur eine Schwimmhalle.

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„Die Schwimmhalle war noch nicht fertig gebaut, da sind wir hier schon ins Wasser gesprungen“, erinnert sich Dr. habil. Wolfram Sperling, früherer Hochleistungssportler und Olympia-Schwimmer. „Zwar haben wir überwiegend im Leipziger Schwimmstadion trainiert, aber die Vorbereitung auf die Olympischen Spiele 1972 in München haben wir hier gemacht. Ich kann mich entsinnen, dass wir über eine Hintertür hineingegangen sind – da war alles noch mit Planen verhangen“.

Sperling war in den 1970er Jahren DDR-Meister über unterschiedliche Distanzen, studierte Sportwissenschaften an der DHfK und war dort später wissenschaftlicher Assistent. Von 2007 bis Februar 2019 war er Leiter des Fachgebiets Schwimmsport am Institut Bewegungs- und Trainingswissenschaft der Sportarten II der Sportwissenschaftlichen Fakultät der Uni Leipzig und lehrte im Bereich der Sonderpädagogik, des Rehabilitations- und Behindertensports. Seit 2002 ist er Präsident des Sächsischen Schwimmverbands.

Trennung von Lehre und Leistungssport

Damals war Leipzig der einzige Ort für die Ausbildung im Leistungssport in der DDR. Die systemtreue Sporthochschule war verantwortlich für die akademische Ausbildung von Sportlehrer:innen und Trainer:innen. Das Training der Leistungssportler:innen indes wurde durch Sportclubs übernommen, die im Deutschen Turn- und Sportbund (DTSB) organisiert waren, wie beispielsweise dem SC DHfK. Schon früh wurden Begabungen erkannt und gefördert. So gingen auch Schüler:innen der Kinder- und Jugendsportschule (KJS), heute Landessportgymnasium, in die Mainzer Straße schwimmen.

„Die Trennung von akademischer Ausbildung und Leistungssport ist auch heute noch so“, sagt Sperling, der selbst von 2007 bis 2019 an der Sportwissenschaftlichen Fakultät der Universität Leipzig lehrte und Abschlussarbeiten betreute. Nicht nur Schwimmer, Wasserspringer und Kanuten benutzten die Halle, sondern auch Sportstudierende anderer Fachmethodiken kamen hierher zur Grundausbildung oder zur weiteren Qualifizierung.

Eine Besonderheit, warum ein Training ausgerechnet in dieser Halle schon 1971 einen großen Unterschied machte, war eine besondere Infrastruktur: eine Gegenstromschwimmanlage. Diese nicht besonders große, aber für den Leistungssport wichtige Anlage ließ sich die DDR durch eine schwedische Firma in den Keller einbauen. Das Wasser im Gegenstrom bot den Leistungsschwimmern die Möglichkeit, bei kontrollierten Strömungsgeschwindigkeiten den Widerstand gezielter zu nutzen, wodurch sich diese besser auf den internationalen Wettkampf vorbereiten konnten. Ein ebenfalls wichtiger Aspekt bei der Vorbereitung: die detaillierte Diagnose der Schwimmtechnik der einzelnen Schwimmer, verbunden mit gezielten Hinweisen und Trainings zur eigenen Leistungsverbesserung. Hierfür entwickelte sich noch zu DDR-Zeiten aus der DHfK das Forschungsinstitut für Körperkultur und Sport (FKS), das sich allein auf die Spitzensportforschung konzentrierte.

Internationale Strahlkraft

Auf sein Renommee im Spitzensport auf weltweitem Niveau legte der sozialistische Staat großen Wert. Dieses Renommee basierte nicht nur auf den Medaillenerfolgen der DDR-Sportler:innen, sondern auch auf der Tatsache, dass die DDR in Leipzig Frauen und Männer aus anderen Ländern hier weiterqualifizierte. Prof. Dr. em. Jürgen Dietze war Vorgänger von Dr. Wolfgang Sperling als Leiter des Fachgebiets Schwimmsport am Institut Bewegungs- und Trainingswissenschaft an der Universität Leipzig und DDR-Olympia-Schwimmer 1960 und 1964. Er erinnert sich: „Zu uns kamen zahlreiche Sportstudierende und Trainer aus aus Afrika, Lateinamerika oder auch ozeanischen Ländern.“ Die Trainerausbildung habe internationales Gewicht gehabt, sagt Dietze. Der ehemalige Europa- und mehrfache DDR-Meister, Lehrbuchautor und Ehrenpräsident des Sächsischen Schwimmverbands war selbst an der internationalen Ausbildung beteiligt. Wolfram Sperling ergänzt: „Manche Absolventen sind heute Präsidenten Internationaler Sport-Verbände.“ Den Internationalen Trainerkurs (ITK) gibt es auch heute noch, allerdings mit einer anderen, breiteren Ausrichtung, gefördert durch das Auswärtige Amt.

Neue Ausrichtung im Zuge der Wende

Nach der Wende wurde die DHfK in die neu strukturierte Universität Leipzig eingegliedert, doch nicht ohne personelle Verluste. Wenn die DHFK vor der Wende rund 1.000 Mitarbeitende hatte, um rund 2.000 Studierende zu betreuen, so war es nach der Neugründung der Sportwissenschaftlichen Fakultät nur noch etwa ein Zehntel davon, die zuvor der DHfK angehörten, wie Dietze und Sperling berichten. Das neue Bundesland Sachsen übernahm das Bildungsmodell von Baden-Württemberg, so Jürgen Dietze: „Ich selbst war mit in der Gründungskommission der Sportwissenschaftlichen Fakultät“, erinnert er sich.

Unter dem Dach der Universität Leipzig wurde die Halle für eine breitere Nutzung geöffnet, erzählt Sperling: „Es erweiterte sich nicht nur das Ausbildungsprofil für Studierende, sondern auch die Nutzungsmöglichkeiten der Schwimmhalle“. Die starke Betonung des Leistungssports wurde relativiert, dem Rehabilitationssport und dem Behindertensport wurden sowohl im Curriculum als auch in der Halle erstmals die Pforten geöffnet. Sperling war selbst für viele Jahre Präsident des Sächsischen Behinderten- und Versehrtensportverbands. Nach einem Autounfall kurz vor den Olympischen Spielen 1976 hatte er nicht mehr in Montreal antreten können.

Das Forschungsinstitut für Körperkultur und Sport wurde von 1990 bis 1991 unter dem Dach des Landessportbundes Sachsen als "Einrichtung" weitergeführt und abgewickelt. 1992 gründete sich das Institut für Angewandte Trainingswissenschaft (IAT) neu. Heute ist es Kooperationspartner der Universität Leipzig und täglicher Gast im Wassersportzentrum. Das IAT betreibt auch den Gegenstromkanal, der seit 2008 neu in Betrieb ist – gebaut und gewartet von einer Leipziger Firma. „Wir führen heute Leistungsdiagnostik für einen Teil der Nationalmannschaft durch. Wir nutzen beispielsweise Unterwasserkameras, analysieren den genauen Bewegungsablauf der Sportler und welche Kräfte sie beim Start mobilisieren können“, sagt Dr. Jens Graumnitz, ebenfalls früherer Leistungssportler und heute Leiter der FG Schwimmen am IAT.

Seit 1991 wurde die Technik der Schwimmhalle etappenweise modernisiert und entspricht heute modernsten Ansprüchen des Schwimmsports.

Birgit Pfeiffer

 

  • Kommentar von W. Quapp am 19.10.2021 um 13:19 Uhr:
    Mehr eine Frage: Ist die Halle wieder für das Mitarbeiterschwimmen geöffnet?
    Danke für eine Auskunft.
    W.Quapp
  • Antwort von der Redaktion am 19.10.2021 um 16:18
    Ja. Bitte wenden Sie sich bei Interesse an das Zentrum für Hochschulsport ZfH: https://www.zfh.uni-leipzig.de/ueber-das-zfh/aktuelles/newsdetail/artikel/neu-mitarbeiterschwimmen-online-registrierung-ueber-den-hochschulsport-2021-09-27/
    Sport frei!
  • Kommentar von Thomas Beyer am 27.10.2021 um 07:13 Uhr
    Die Deutsche Hochschule für Körperhaltung (DHfK) wurde nicht in die Universität Leipzig "eingegliedert", sondern durch das Bundesland Sachsen zerschlagen bzw. abgewickelt. Leider ein Fehler, der bis heute im bundesdeutschen Sport, vor allem im Nachwuchs, schmerzhaft spürbar ist. Was die sportwissenschaftliche und sportpädagogische Ausbildung von Trainern an der DHfK in Verbindung mit dem FKS betrifft, ist es der Sporthochschule Köln nie gelungen, auch nur annähernd Gleichwertigkeit zu erreichen.

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