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Die Kommission „30 Jahre Friedliche Revolution und deutsche Einheit“ hat ihren Abschlussbericht veröffentlicht. Der Münsteraner Politkwissenschaftler Oliver Hidalgo und der Leipziger Soziologe Alexander Yendell trugen zu dem Bericht bei.

Akteure und Kulturen der revolutionären/transformativen Gesellschaftsgestaltung. Die Kommission „30 Jahre Friedliche Revolution und deutsche Einheit“ unter dem Vorsitz des ehemaligen Brandenburger Ministerpräsidenten Matthias Platzeck hat ihren Abschlussbericht veröffentlicht. Die Aufgabe der Kommission war es, den bisherigen Transformations- und Vereinigungsprozess zu reflektieren, um daraus Erkenntnisse für die weitere Ausgestaltung der Deutschen Einheit zu ziehen und entsprechende Vorschläge für die Bundesregierung zu erarbeiten. Wir haben mit einer Kurzstudie zum Thema „Akteure und Kulturen der revolutionären/transformativen Gesellschaftsgestaltung“ mit zu diesem Bericht beigetragen.

Oft unbeabsichtigter Wettbewerb zwischen Ost und West

Unsere zentrale These in der Studie war, dass die in Deutschland aktuell immer noch feststellbare Spaltung der Gesellschaft in eine „Ost-“ und eine „West-Identität“ gerade kein Indiz dafür ist, dass die vierzigjährige Teilung in DDR und BRD nicht überwunden werden konnte. Deswegen ist die soziale Spaltung aus unserer Sicht auch weniger das Resultat objektiv messbarer Parameter, wie zum Beispiel tatsächlich existierende sozio-ökonomische Unterschiede, als vielmehr das Ergebnis sozialer Konstruktionen, die in der Hauptsache erst nach der Wende einsetzten und sich im Nachgang kontinuierlich verstärkt haben. Eine solche Spaltung reproduziert sich heute vor allem durch den im öffentlichen Diskurs sehr präsenten Vergleich zwischen Ost- und Westdeutschland und einem damit oftmals unbeabsichtigten Wettbewerb zwischen beiden Landesteilen und deren Bevölkerungen. Dadurch wird die nach 1990 ausgebildete Gruppenidentität („Ossi“, „Wessi“) getriggert, was sozialpsychologisch betrachtet äußerst problematisch ist, da erst durch die Einteilung von Gruppen – in das „Wir“ und die „Anderen“ – Konflikte entstehen. Ostdeutsche fühlen sich auf der individuellen Ebene nicht viel häufiger benachteiligt als Westdeutsche. Dass die Ostdeutschen sich mehrheitlich benachteiligt fühlen oder sich sogar häufig als Bürger zweiter Klasse empfinden, liest man immer wieder.

Auch Politiker verbreiten diese Nachricht gerne – zum Beispiel Bundeskanzlerin Angela Merkel am Tag der Deutschen Einheit. Aber – wie so oft, wenn man einen differenzierten wissenschaftlichen Blick auf etwas wirft – beruht diese Auffassung auf einem Missverständnis. Dies lässt sich gut aus den Ergebnissen einschlägiger repräsentativer Statistiken wie der Allgemeinen Bevölkerungsumfrage in den Sozialwissenschaften (ALLBUS) oder der von Oliver Decker und Elmar Brähler seit 2002 alle zwei Jahre durchgeführten Leipziger Autoritarismusstudie ablesen. In deren Ausgabe von 2018 sahen sich 34 Prozent der Ostdeutschen manchmal wie ein Mensch zweiter Klasse behandelt, während 38 Prozent angaben, dass sie sich im Umgang mit Behörden und Ämtern oft ausgeliefert fühlen. Zugegeben, das ist nicht gerade wenig, aber es ist nicht die Mehrheit der Ostdeutschen, die auf diese Weise über eine Benachteiligung klagen. Interessanter ist aber ohnehin der Vergleich mit den Westdeutschen: Die Zustimmungswerte sind in Bezug auf die beiden Aussagen nämlich nicht sonderlich unterschiedlich. In der westdeutschen Bevölkerung fühlen sich 28 Prozent als Mensch zweiter Klasse behandelt und 35 Prozent im Umgang mit Behörden und Ämtern oft ausgeliefert.

Ostdeutschen geht es ökonomisch immer besser

Und wie sieht es mit der Einschätzung der eigenen wirtschaftlichen Lage aus? Hier gibt es bemerkenswerterweise kaum noch Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschen. Im ALLBUS 2018 gaben 69 Prozent der Ostdeutschen und 72 Prozent der Westdeutschen ihre eigene wirtschaftliche Lage als gut beziehungsweise sehr gut an. 1991 hatten hingegen nur 35 Prozent der Ostdeutschen ihre eigene wirtschaftliche Lage als mindestens gut eingeschätzt, eine Zahl, der damals noch 69 Prozent der Westdeutschen gegenüberstanden, die ihre eigene ökonomische Lage positiv beurteilten. Wir haben es hier also mit einer deutlichen Angleichung zu tun und erfreulicherweise geht es den Ostdeutschen – zumindest im Durchschnitt – ökonomisch immer besser. Wie aber kommt es dann zu der (Fehl-)Einschätzung, dass sich Ostdeutsche – anders als Westdeutsche – mehrheitlich benachteiligt und als Bürger zweiter Klasse fühlen?

Problematisch ist oftmals, dass Bevölkerungsumfragen falsch oder nicht differenziert genug interpretiert werden. In einer von Dimap herausgegeben Studie wurde den Befragten etwa die Frage vorgelegt „Viele Menschen in Ostdeutschland fühlen sich 30 Jahre nach dem Mauerfall als Bürger zweiter Klasse. Halten Sie diese Ansicht für richtig oder falsch?“. Dass man eine derartige Suggestivfrage so in einer Umfrage nicht stellt, lernen Studierende der Sozialwissenschaften eigentlich schon in den ersten Semestern. Jedenfalls aber belegt die Zustimmung zu einer solchen Frage nicht, dass sich Ostdeutsche gegebenenfalls wirklich als Bürger zweiter Klasse vorkommen, sondern nur, dass sie davon ausgehen, viele (andere) Ostdeutsche würden genau dies tun. Ein anderes Beispiel: In einer Umfrage zur Wahl in Brandenburg 2019 sollten sich die Befragten zu der Aussage „Ostdeutsche sind an vielen Stellen immer noch Bürger zweiter Klasse“ positionieren. Die Ergebnisse wurden bei rbb24 veröffentlicht. Dort hieß es „Jeder zweite Brandenburger fühlt sich als Bürger zweiter Klasse“, was so natürlich nicht ganz stimmt. Vielmehr muss man wieder differenzieren: Denn obwohl sich wie erwähnt die große Mehrheit der Ostdeutschen persönlich gar nicht als Bürger zweiter Klasse fühlt, glauben anscheinend viele – in diesem Fall rund die Hälfte der Brandenburger –, dass das „Kollektiv“ der Ostdeutschen in exakt dieser Weise behandelt wird. Der Leipziger Politikwissenschaftler Gert Pickel beschreibt dies richtigerweise als „Gefühl der innerdeutschen Benachteiligung des ostdeutschen Kollektivs"

Das Problem der relativen Benachteiligung

Problematisch bleibt, dass die Ostdeutschen – trotz einer eigentlich positiven Einschätzung der eigenen wirtschaftlichen Lage – häufiger als die Westdeutschen davon überzeugt sind, im Vergleich zu anderen keinen gerechten Anteil zu erhalten sowie als Kollektiv benachteiligt zu sein. Wir stellen hier also weniger eine individuell faktisch erfahrene Benachteiligungsproblematik als vielmehr eine konstruierte Gruppenidentität bei den Ostdeutschen fest, die erst durch den Vergleich mit den Westdeutschen emotional wird und so zu einem Narrativ führt, das die Spaltung der Ost-West-Identitäten verstärkt. Ausschlaggebend hierfür ist nicht zuletzt das Gefühl relativer Deprivation, das aktuell allem Anschein nach vor allem aus einem folgenschweren Paradox resultiert, wie es Aladin el-Mafaalani in ähnlicher Weise für das Problem der Integration von Migrant:innen konstatiert hat und das in der Sozialwissenschaft als „Tocqueville-Effekt“ bekannt ist. Demnach steigen mit dem Gelingen von Reformen und Transformationsprozessen ebenso die Erwartungen der Beteiligten, was es im Gegenzug umso unerträglicher wirken lässt, wenn jemand persönlich oder auch eine Gruppe aus eigener Sicht unzureichend an kollektiven Erfolgen partizipiert. Auf die deutsche Wiedervereinigung gemünzt, die wie gesehen dazu geführt hat, dass die Ostdeutschen 30 Jahre nach dem Mauerfall ihre wirtschaftliche Lage subjektiv nicht viel schlechter einschätzen als Westdeutsche, heißt das, dass gleichwohl noch bestehende Ungleichheiten im Einkommen sowie in den Lebens- und Repräsentationsverhältnissen allen absoluten Verbesserungen zum Trotz heute relativ sehr viel schwerer zu akzeptieren sind als früher und daher leicht als mangelnde Anerkennung interpretiert werden. Insofern drückt die vielfach kommentierte "Ostalgie" in der Gegenwart auch keine "reale" Sehnsucht nach der untergegangenen DDR aus, sondern in erster Linie den Wunsch, dass die Leistungen der Ostdeutschen für und nach der Wende eine angemessene Würdigung erfahren. 

Stigmatisierung der Ostdeutschen

Jene Problematik der wahrgenommenen „Stigmatisierung" wird noch weiter verschärft, wenn den Ostdeutschen häufig unterstellt wird, rechtsextremer, ausländer- und islamfeindlicher als die Westdeutschen zu sein. Auch hier zeigt ein differenzierter Blick auf die Daten einschlägiger Umfragen, dass die Unterschiede zwar vorhanden, aber längst nicht so gravierend sind wie medial behauptet und ein „Ost-Faktor“ allein kein hinreichendes Potenzial bietet, diese demokratie- und menschenfeindlichen Einstellungen zu erklären. Ein Großteil der ethnozentrischen und ausländer- beziehungsweise islamfeindlichen Einstellungen lässt sich banalerweise durch den Umstand verstehen, dass Ostdeutsche deutlich weniger Kontakte zu Ausländern und Zuwanderern haben als Westdeutsche.

Sieben Vorschläge, um Mauer in den Köpfen zu überwinden

Die Kommission wollte von den Verfassern der Kurzstudien nicht nur wissenschaftliche Ergebnisse, sondern auch Handlungsempfehlungen. Was also gibt es zu tun? Wir haben dazu sieben Vorschläge erarbeitet, die im Kern beinhalten, dass die Gruppenidentitäten „Ossi“ und „Wessi“ durch gemeinsame Projekte, den Verzicht auf diese geografische Einteilung in öffentlichen Stellungnahmen, durch die Förderung von Empathie und demokratischen Einstellungen im Kindes- und Jugendalter, durch die Betonung der Wiedervereinigung als gemeinsame Errungenschaft sowie die Schaffung einer gesamtdeutschen Anerkennungskultur abgebaut werden sollen.1989 ist die Berliner Mauer 28 Jahre nach ihrem Bau und 40 Jahre nach der deutschen Teilung in einer Friedlichen Revolution gefallen. 30 Jahre danach ist es höchste Zeit, die Mauer in den Köpfen, die sich seitdem gebildet hat, zu überwinden.

Hinweis:

Lesen Sie zu dieser Thematik bitte auch den ReCentGlobe Blog #37: Mythos "Jammer-Ossis".

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