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Wie gestalten Quarantänemaßnahmen den öffentlichen Raum sowie die soziale Ordnung nachhaltig mit? Während der Spanischen Grippe (1918 - 1920) gab es Quarantänemaßnahmen, auch in den USA und in Südafrika. Das Leipzig Lab Global Health untersucht nun im Rahmen eines von der DFG geförderten Forschungsprojekts die Verschränkungen von Quarantäne und Segregation in diesen Regionen während der Spanischen Grippe und während der Covid 19-Pandemie, berichtet Dr. Nina Mackert vom Leipzig Lab Global Heath in ihrem Blogbeitrag. Das Projekt startet Mitte März.

Im Sommer 1919 wurde Chicago von schweren Ausschreitungen erschüttert. Mobs von Weißen griffen Afroamerikaner:innen an, töteten 23 von ihnen und legten Feuer in der South Side der Stadt. Hier waren in den vergangenen Dekaden durch die millionenfache Migration von Afroamerikaner:innen in die Städte des US-Nordens und vor allem durch einen rassistischen Wohnungsmarkt eine Reihe dicht besiedelter Schwarzer Viertel entstanden, deren räumliche Trennung von Weißen gewaltsam verteidigt wurde.

Zu diesem Zeitpunkt war in den USA gerade die dritte Welle der Spanischen Grippe zu Ende gegangen. Bis zur Covid-19 Pandemie als „schlimmste Influenza-Pandemie der Geschichte“ beschrieben, fielen der „Spanish Flu“ weltweit Millionen Menschen zum Opfer, allein in Chicago waren es 8500. Die Stadt reagierte, wie viele andere Orte in den USA und global, mit einer Reihe von Quarantäne-Maßnahmen, etwa die Isolation von Infizierten, Schließung öffentlicher Einrichtungen und Versammlungsverbote. Diese Quarantänemaßnahmen wurden, wie nicht zuletzt die Ausschreitungen des Sommers 1919 zeigen, an einem Ort durchgesetzt, der durch rassistische Segregation und Kämpfe um den öffentlichen Raum geprägt war.

Wie gestalten Quarantänemaßnahmen den öffentlichen Raum und die soziale Ordnung über die unmittelbare epidemiologische Bedeutung hinaus?

Diese Verschränkungen von Quarantäne und Segregation in der Ordnung des öffentlichen Raumes adressiert das neue, interdisziplinäre DFG-Forschungsprojekt am Leipzig Lab Global Health. Das Projekt „Pandemic Space: Understanding Quarantine and Responsibilization in Times of Corona“ geht Mitte März 2022 an den Start (Leitung: Marian Burchardt, Nina Mackert, Caroline Meier zu Biesen und Maren Möhring). Im Projekt fragen wir aus historischer und sozialanthropologischer Perspektive danach, wie Quarantänemaßnahmen den öffentlichen Raum sowie die soziale Ordnung nachhaltig mitgestalten. Folglich interessieren uns diese Maßnahmen über ihre unmittelbare epidemiologische Bedeutung hinaus als Formen der (Neu-)Verräumlichung. Der Fokus des Projekts liegt auf der Geschichte und Gegenwart von Quarantänemaßnahmen in den USA und Südafrika – und mithin in zwei Gesellschaften mit einer langen Geschichte rassistischer Segregation.

Dabei gehen wir davon aus, dass unterschiedliche Quarantänepraktiken – neben verordneter Isolation etwa Abstandhalten und freiwillige Quarantäne – nicht schlicht als top-down-Prozesse verstanden werden können, sondern auf der aktiven und freiwilligen Beteiligung selbstverantwortlicher Individuen beruhen: auf deren Responsibilisierung. In welcher Weise wurden und werden welche Individuen und Gruppen als fähig begriffen, sich verantwortlich zu verhalten und sich selbst sowie andere vor Ansteckung zu schützen? Wie griffen und greifen Menschen in ihrem Alltag und in ihrem Umgang mit Quarantänemaßnahmen solche Annahmen auf, und mit welchen Konsequenzen für die Ordnung des öffentlichen Raumes?

Rassistische Narrative während der Spanischen Grippe in USA und Südafrika auch während der Covid 19-Pandemie?

Ein PostDoc-Teilprojekt erforscht die transnationale Zirkulation von Quarantänewissen auf der Ebene von Expert:innen-Netzwerken (etwa in der WHO) im langen 20. Jahrhundert, insbesondere mit Blick auf Transfers zwischen den USA und Südafrika, und fragt nach dessen Rolle in der Regulierung von Migration und Segregation. Eines von zwei Promotionsprojekten beschäftigt sich am Beispiel von Gesundheitsrabeiter:innen („community health workers“) während der aktuellen Covid-19 Pandemie in Südafrika mit der Frage, wie Responsibilisierung praktisch in der Umsetzung von Quarantänemaßnahen funktioniert. Das zweite Promotionsprojekt untersucht die eingangs erwähnte Verschränkung von Quarantäne und Segregation in den USA während der Spanischen Grippe (1918-1920).

Zu diesem Zeitpunkt war die Segregation in den USA von rassistischen Narrativen begleitet, die Afroamerikaner:innen unverantwortliches Verhalten unterstellten und damit insbesondere hohe Krankheitsraten in Black Communities erklärten. Das Projekt fragt danach, wie diese Narrative in der Pandemie aktualisiert wurden und auch umkämpft waren. Während etwa die Gesundheitsbehörde in Chicago die Rolle eigenverantwortlichen Handelns in der Bekämpfung des Virus hervorhob, kontrollierte sie vor allem Schwarze Haushalte durch unangemeldete Besuche und markierte diejenigen mit einem roten Anschlag an der Tür, die sich den verordneten Quarantäneregeln widersetzten. Afroamerikanische Mediziner:innen lieferten sich Auseinandersetzungen über die Frage, ob Eigenverantwortung oder der Kampf gegen strukturellen Rassismus bei der Krankheitsbekämpfung im Vordergrund stünde.

Das Projekt nimmt diese Beobachtungen als Ausgangspunkt, um Quarantänestrategien als Orte der Auseinandersetzung um Räume, Verantwortung und Teilhabe zu untersuchen; darum, wer als gesund und selbstverantwortlich gelten und Zugang zu Räumen und Ressourcen erlangen konnte. Die Quarantänemaßnahmen verstärkten die Segregation, weil sie auf rassistischen Narrativen Schwarzer Verantwortungslosigkeit beruhten und die afroamerikanische Community Chicagos faktisch kollektiv im Black Belt unter Quarantäne stellten. Gleichzeitig verkompliziert sich diese Hypothese bei einem genaueren Blick auf die Dynamik der Pandemie: Denn schon Zeitgenoss:innen mussten feststellen, dass die „Spanische Grippe“ deutlich mehr Todesopfer unter Weißen als unter Schwarzen forderte, und afroamerikanische Zeitungen konterkarierten damit den Mythos Schwarzer Ansteckung. Das Projekt verspricht also spannende Erkenntnisse zu Raum, Rassismus und Responsibilisierung, und lädt ein, über die Verschränkungen von Quarantäne mit anderen Raumpraktiken in Geschichte und Gegenwart neu nachzudenken.