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In den letzten beiden Kolumnen haben wir die Vornamen der Studierenden behandelt, nun betrachten wir deren Familiennamen (FaN). Exemplarisch tun wir dies anhand von Namen der 2020/2021 Immatrikulierten.

Zum Wintersemester waren 31.058 Personen immatrikuliert. Unsere Untersuchung zum Thema „Die Uni und ihre Familiennamen“ basiert auf 3.702 Namen von 16.781 Studierenden. Nicht betrachtet wurden aus Datenschutzgründen weitere 13.433 FaN, die nur einmal vorkommen, das bedeutet, dass etwas mehr als die Hälfte der Studierenden mit ihren Namen in die Auswertung einfließen.

Die Beschäftigung mit der Herkunft, Bedeutung und sprachlichen Entwicklung von FaN ist ein wichtiges Arbeitsgebiet des Namenkundlichen Zentrums/Namenberatungsstelle. Bereits seit den 1950er Jahren werden hier Personennamen im Deutschen erforscht. Eine erste Dissertation zur Personennamen-Linguistik wurde 1958 an unserer Universität erfolgreich verteidigt: Gerhard Schlimpert untersuchte erstmals slawische Personennamen in mittelalterlichen Quellen. Danach folgte 1963 eine germanistische Dissertation. Auf 688 Seiten beschrieb Volkmar Hellfritzsch „Vogtländische Personennamen. Untersuchungen am Material der Kreise Plauen und Oelsnitz auf sprachwissenschaftlicher Grundlage“.

An diese Arbeiten anknüpfend wurden in den letzten mehr als sechzig Jahren viele weitere Studien durchgeführt. Neben der wissenschaftlichen Erforschung des komplexen Themas werden von uns täglich Gutachten zu Einzelnamen erstellt. Viele Menschen interessieren sich mittlerweile für die Herkunft und Bedeutung ihrer Namen.

In Deutschland setzte die Verwendung des heute als FaN bezeichneten Eigennamens etwa im 12. Jahrhundert ein und steht mit der Entwicklung der Gesellschaft in engem Zusammenhang. Insbesondere die Stadt als neue wirtschaftliche Erscheinung mit eigener Sozialstruktur gewinnt seit dem 12./13. Jahrhundert an Bedeutung, was sich in der Vergabe eines aus Rufnamen und Familiennamen bestehendes Gesamtnamens unter der Stadtbevölkerung widerspiegelt. In einer an der Uni Leipzig eingereichten Dissertation (Marit Solluntsch, Bei- und Familiennamen der Stadt Leipzig von den Anfängen bis 1500, Leipzig 1991) wurde dieser Prozess des Übergangs zur Zweinamigkeit für Leipzig detailliert beschrieben. Demnach findet dieser Prozess hier um 1500 seinen Abschluss, das heißt die Menschen tragen neben dem Rufnamen einen festen Beinamen (Familiennamen).

Auch wenn für die Verwendung dieser sprachlichen Zeichen als Mittel der unverwechselbaren Benennung beziehungsweise der Unterscheidung von Einzelwesen die Bedeutung heute keine Rolle mehr spielt, ist die Erforschung der ursprünglichen (etymologischen) Bedeutung kultur- und sprachgeschichtlich aufschlussreich. Schließlich waren diese Namen zum Zeitpunkt ihrer Entstehung „motiviert“, sie enthielten eine sachliche Aussage zu Herkunft, Beruf, Aussehen, Vater und anderem. Auf diese Weise lassen sich wiederkehrende Benennungsmotive herausarbeiten, die sich auch in den Namen unserer Studierenden aufzeigen lassen. Im Deutschen sind Namen, die eine berufliche Tätigkeit oder ein Amt als Charakteristikum der so benannten Person betonen, die häufigsten.

Diese Namengruppe dominiert auch bei den Namen unserer Studierenden (vgl. Abb. 1): 1. Müller (227x), 2. Schmidt (185), 3. Richter (139), 4. Fischer (126), 5. Schneider (97), 6. Hoffmann (82), 7. Schulze (67), 8. Wagner (66), 9. Schulz (62). Fasst man Schulze und Schulz als Varianten desselben Beinamens zusammen, würde der auf den Schultheiß (zu mittelhochdeutsch schultheize, jemand, der Verpflichtungen oder Leistungen befiehlt) zurückgehende Name an 4. Stelle stehen. Allerdings ist die getrennte Betrachtung der Namenvarianten auch aufschlussreich hinsichtlich der „Herkunft der Namen“.

Diese lässt sich sehr gut aufzeigen mit dem am Institut für Informatik unserer Universität entwickelten Programm CartonymUL, das die geographische Verteilung von Vor- und Familiennamen abbildet. Als Grundlage dienen die Telefonanschlüsse aus dem Jahr 1996, da zu dieser Zeit noch fast alle Festnetzanschlüsse hatten. Die Gegenüberstellung der Namenvarianten Schulze (67), Schulz (62), Scholz (32), Schulte (13), Schultz (8), Schultze (4), Scholze (4), Schultheiß (3) auf den Verbreitungskarten ist aufschlussreich, zeigen sie doch sehr unterschiedliche Entstehungsgebiete der Namen, was für ihre Interpretation wichtig sein kann (vgl. Abb. 2).

Neben den Namen aus Berufsbezeichnungen gibt es weitere Namenkategorien, vor allem FaN aus Rufnamen, FaN nach der Herkunft, FaN nach der Wohnstätte und sogenannte Übernamen. Für alle diese Untergruppen finden sich Beispiele unter den Namen der Studierenden.

In der Gruppe der aus Rufnamen entstandenen FaN begegnen am häufigsten Walter (40, mit Walther 25), Herrmann (49, mit Hermann 9), Lorenz (52), Günther (48, mit Günter 2), Werner (48), Seifert (39, regionale Form von Siegfried, mit Seiferth 2, Seiffert 2, Seifart 2), Friedrich (39), Hartmann (35) und Heinrich (34). Diese Art Familiennamen charakterisieren den (ersten) Namenträger als „Sohn von z.B. Lorenz“ usw. Die Reihung der Vornamen spiegelt die Namenmode vor etwa 700 Jahren wider, diese Namen waren damals offensichtlich sehr beliebt, Familiennamen sind also auch sprachliche Zeugen für (vergangene) Namenmoden. Hier ist die Kartierung ebenfalls aufschlussreich, denn die Rufnamengebung ist nicht überall gleich, sondern es gibt bestimmte regionale Vorlieben (Heiligenverehrung, dynastische Nachbenennung u.ä). Der Name Lorenz ist eine in Südwestsachsen häufige eingedeutschte Form des lateinischen Heiligennamens Laurentius (wörtlich ‘aus Laurentum stammend“). Der Hl. Laurentius ist auch der Patron der Universität Leipzig, da die Universität früher zum Bistum Merseburg gehörte, das den Heiligen Laurentius und Johannes geweiht war. Der Bischof war zugleich Kanzler für die Universität.

Innerhalb der Gruppe der Familiennamen nach der Herkunft werden Namen nach Ländern, Völkern und Landschaften sowie solche nach Ortsnamen unterschieden. Diese FaN nehmen in den Ranglisten keine Spitzenplätze ein, zu den häufigsten zählen die aus Länder- und Stammesnamen wie Beyer (33, mit Beier 17, Bayer 9, Beier 7), Böhme (28, mit Böhmer 4), Hesse (9, mit Heß 10, Hess 3), Pohl (24, mit Pohle 5, Pohlmann 2), Meißner (23, mit Meissner 2, Meisner 2), Preuß (19, mit Preuße 2, Preiß 2), Unger (13), Döring (12), Wendt (10, mit Wend 4, Wende 3, Wendisch 2), Schwabe (8, mit Schwab 7), Sachse (2, mit Sasse 4, Saß 3), u.a.

Wohnstättennamen bezeichnen eine Person nach der Lage ihres Wohnplatzes in der Siedlung bzw. Stadt, sie enthalten Örtlichkeitsnamen (z.T. Flurnamen) und sind nicht immer sicher von den Herkunftsnamen zu trennen. Beispiele unter den Namen der Studierenden sind etwa Bergmann (16 mehrdeutig!), Busch (13) Strauch (8), Holz (6), Baumgarten (5), Eichler (5) Angermann (4), Birke (2) u.a.m.

FaN aus Übernamen (oder auch Spitznamen) bilden nach den Berufs- und Amtsbezeichnungen die umfangreichste Namengruppe, ihre Träger werden im Wesentlichen nach körperlichen und geistigen Eigenschaften, nach Gewohnheiten usw. gekennzeichnet. Unter den Namen der Studierenden finden wir z.B. körperliche Merkmale wie Lange (57, mit Lang und Langer jeweils18), Krause (51, mit Kraus 5, Krauß 6, Krauße 5), Weiß (34), Schwarz (33, mit Schwarzer 10 und Schwarze 8), Klein (33, mit Kleine 7 und Kleiner 3), Braun (27, mit Braune 4), Roth (23, mit Rothe 12, Rother 8 sowie Rothmann und oder auch Rothmund jeweils 2), Kühne (20) oder für den „Kopf“ Schwarzkopf (5) oder Hartkopf, Großkopf, Dreikopf (jeweils 2 Personen).

Neben Familiennamen aus dem Deutschen und deutschen Dialekten finden sich natürlich auch fremdsprachige FaN deutscher und ausländischer Studierenden. Der häufigste unter unseren Studierenden ist mit 62 Namenträgern der vietnamesische Name Nguyen, der auch in Vietnam der mit Abstand häufigste unter insgesamt nur etwa 300 FaN ist.

Allgemein hat das Slavische aus historischen Gründen (unmittelbare Nachbarschaft, Migrationsbewegungen ins Ruhrgebiet) großen Anteil am Familiennamenschatz der Deutschen. Sicheres Indiz ist z.B. das Suffix -ski, das polnischer, russischer, sorbischer u.a. Herkunft sein kann: Kaminski, Jankowski, Santowski (je 3) Rostalski, Mendikowski, Bukowski, Borowski, Baginski, Jawinski, Ostrowski, Baranski, Pawlowski, Laskowski, Lewandowski, Goralski, Kowalewski, Konkolewski, Maidowski, Wischniewski, Koslowski, Rutkowski, Michalski, Tucholski, Rogowski, Olschowski (je 2). Zu den slavischen FaN gehören auch Namen wie Kretzschmar (18, mit Kretschmer (5), Kretschmar (3), Kretschmann (2); der Name geht auf die aus dem Alttschechischen ins Deutsche gelangte Berufsbezeichnung für den „Schankwirt“ (vgl. tschechisch krčmář) zurück und erfuhr durch die engen Kontakte mit Böhmen über die deutschen Kanzleien große Verbreitung insbesondere in Ostsachsen.

Nur wenige Studierendennamen wie Laurent, Torres oder Teixeira  (je 2) sind eindeutig romanischer (in diesem Fall französischer, spanischer und portugiesischer/brasilianischer) Herkunft.

Natürlich sind im Korpus der Namen der Studierenden unserer Universität eine Vielzahl weiterer fremdsprachiger Namen zu finden, auf die hier aber nicht näher eingegangen werden kann. Viel eher bieten sich hier weitere Kolumnen zu den Themen „Die Uni und ihre Namen von Studierenden aus China (336), der Russischen Förderation (215), der Arabischen Republik Syrien (193), Vietnam (127), den Vereinigten Staaten von Amerika (124), Ägypten (120), der Ukraine (113), Italien (95), Indien (87), Frankreich (77), dem Iran (76), Polen (72), Spanien (71), der Türkei (63)“ usw. an. Dies könnte sicherlich auch hilfreich sein für Gebrauch und Aussprache der Namen.

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